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| 1.
Beurteilung der Quellenlage Für einen genaueren Überblick über die Quellenlage sind die Untersuchungen Eduard Meyers, Alvin Howell Bernsteins und David Stocktons [21] besonders aufschlussreich. Beim Zusammentragen der schriftlichen Quellen über das Reformprogramm des Tiberius Gracchus können zunächst zwei größere Problemfelder ausgemacht werden:
Für den
zweiten Problemkreis, die Frage nach den Primärquellen, ist die bereits
1894 erschienene Studie Eduard Meyers (1855-1930) [25] auch nach
Meinung Bringmanns immer noch maßgebend. Meyer nennt als römische
Primärquellen u. a. den einstigen Kampfgefährten des Gracchus, Konsul von
122 v. Chr. und späteren Gegner C. Fannius [26], den Konsuls des
Jahres 133 v. Chr. und Zensor von 120 v. Chr. L. Calpurnius Piso
[27],
die Militärtribune Sempronius Asellio [28] und P. Rutilius Rufus
[29], die 134 v. Chr. vor Numantia standen, letzterer Konsul des
Jahres 105 v. Chr. [30]. Darüber hinaus verweist er auf Schriften
und Reden der Gracchen selbst, ihrer Gegner und auf die briefliche
Korrespondenz Cornelias mit ihrem Sohn Gaius. Im dreizehnten Kapitel des zweiten Buches der Attischen Nächte beschäftigt
sich Gellius mit der Verwendung des lateinischen Wortes liberi (Kinder,
Nachkommen). Er gibt zu bedenken, dass dieses Wort von früheren Rednern,
Geschichtsschreibern und Dichtern im Plural benutzt wurde, auch wenn nur
von einem Sohn oder einer Tochter die Rede war. |
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Quelle: Gellius, noctes Atticae II, 13, 1-5 1. Die alten Redner, ferner die Verfasser von Geschichte, oder Verfertiger von Gedichten, brauchten den Ausdruck "liberos" in der Mehrzahl, auch wenn nur von einem Sohne, oder einer Tochter die Rede war. 2. Diese Ausdrucksweise, der wir oftmals in den Werken der meisten alten Schriftsteller begegneten, stiess uns nun auch in des Sempronius Asellio 5. Buche seines Werkes "der Kriegsthaten" auf, worin dies Wort ebenfalls vorkommt. 3. Bei der Belagerung von Numantia unter dem Oberbefehl und der persönlichen Leitung des P. Scipio Africanus, war dieser Asellio Volkstribun [32] und erstattete von den Vorfällen, bei deren Hergange er Augenzeuge war, schriftlich Bericht ab. 4. Beziehentlich des Volkstribuns Tib. Gracchus, zur Zeit und bei Gelegenheit seiner Ermordung auf dem Capitol, lauten des Asellio Worte folgendermassen: 'Wenn Gracchus aus seiner Wohnung fortging, folgten ihm nie weniger als 3-4000 Anhänger'. 5. Und hierauf fügt er weiterhin, wie folgt hinzu: 'Nur dies eine sucht er von ihnen durch Bitten zu erreichen, dass sie ihn und seine Kinder [liberos] schützen möchten. Den einen männlichen Spross, welchen er zu dieser Zeit hatte, liess er herbeibringen und empfahl ihn dem Wohlwollen des Volkes, wobei er kaum der Thränen sich erwehren konnte."
[Ich habe den in der
Weiss'schen Übersetzung stehenden Begriff "liberi" durch den im
lateinischen Originaltext verwendeten Begriff "liberos" ersetzt; Anmerk.
in [ ] Hager.] |
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Zunächst können wir feststellen, dass es offensichtlich eine ausführliche schriftliche Darstellung des Zeitzeugen Sempronius Asellio, der 134 v. Chr. als Militärtribun unter dem Oberbefehl des P. Cornelius Scipio Aemilianus Africanus [33] vor Numantia stand, gegeben hat. Diese "historiae", die Gellius auch als "rerum gestarum" [34] (übersetzt in "Kriegsthaten", Münzer) zitiert, behandelten die Zeitgeschichte [35] und gaben, wie wir am Ende des hier angeführten Abschnittes lesen können, auch sehr detaillierte Informationen über das öffentliche Auftreten und die Agitation des Tiberius Gracchus wieder. Wie bereits erwähnt, gilt das Gesamtwerk des Sempronius Asellio als verloren. Es wäre interessant zu erfahren, wie er über Tiberius und dessen Gesetzgebung gedacht hat. Für eine genauere Einschätzung bieten die kurzen Anmerkungen und Fragmente jedoch keine aussagekräftigen Anhaltspunkte [36]. Vermutlich hat aber noch Plutarch auf Asellio zurückgreifen können. Am Ende des 13. Kapitels hat er die beschriebene Szene in einem Satz zusammengefasst. Das Fehlen ausführlicher Abhandlungen aus erster Hand, und somit kehre ich zum ersten Problemfeld zurück, zwingt uns also dazu, auf die Werke von Autoren zurückzugreifen, die nicht mehr als Zeitzeugen bzw. Zeitgenossen bezeichnet werden können. Dies sind die Aufzeichnungen des römischen Geschichtsschreibers T. Livius (59 v. Chr.-17 n. Chr.), des Prätors Velleius Paterculus (geb. um 20 v. Chr.) [37], des griechischen Schriftstellers Diodorus von Agyrion (genannt Diodorus Siculus, gest. nach 36 n. Chr.) [38], Cassius Dio (160-235 n. Chr.) und schließlich Plutarch und Appian. In Anlehnung an den von Meyer gebrauchten Terminus technicus Primärquelle bezeichnet Stockton die Schriften dieser Autoren als Sekundärquellen (secondary sources) [39]. Ihre Berichte basieren also auf Darstellung frührer, am Geschehen beteiligter Autoren. Welchen Einfluss die für uns nicht mehr zugänglichen Primärquellen auf die uns vorliegenden Sekundärquellen und in Konsequenz dessen auf die Forschung haben, ist Gegenstand kontroverser Forschungsdebatten, auf die ich an späterer Stelle noch eingehen werde. Zunächst beabsichtige ich die Vorgeschichte, Ausgangssituation und die in Angriff genommenen politischen Maßnahmen anhand der Sekundärquellen darzulegen. |
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[21] Meyer, Eduard, Untersuchungen zur Geschichte der Gracchen - zuerst in der Festschrift zur zweihundertjährigen Jubelfeier der Universität Halle, 1894 - hier zitiert nach: Meyer, Eduard, Kleine Schriften, Bd. 1, 2. Aufl., Halle 1925, S. 363-421; Bernstein, Alvin Howell, Tiberius Sempronius Gracchus. Tradition and apostasy, Ithaca, London 1978, S. 231-246; Stockton, David, The Gracchi, Oxford 1979/2002, S. 1-5. [22] Bernstein 1978, S. 231; Übers. Hager. [25] Lehmann, Gustav A., s. v. Meyer, Eduard, in: NDB, Bd. 17, S. 309-311. [28] Münzer, Friedrich, s. v. Sempronius Asellio, in: RE II A, 2, Sp. 1362-1364, MRR I, S. 491. [31] Hosius, Carl, A., s. v. Gellius, in: RE, Bd. VII, 1, Sp. 992-998; Krasser, Helmut, s. v. Gellius, in: MLAA,, S. 275-277; geb. in Rom vermutlich um 130 n. Chr. Er verfasste sein Werk, in dem er "Wissenswertes und Interessantes" (Hosius) zusammengetragen hat, während seines Aufenthalts in Griechenland (um 169 n. Chr.), woher es seinen Titel hat. [32] sic!: Die betreffende Stelle im lateinischen Text lautet: "sub P. Scipione Africano tribunus militium ad Numantiam". Asellio war Militär- und nicht Volkstribun. Demnach muss entweder die editorische Übertragung oder die Weiss'sche Übersetzung fehlerhaft sein; Anmerk. Hager. [33] MMR I, S. 490; Deißmann-Merten, Marieluise, s. v. Scipio 12. S., P. C. Aemilianus Africanus Numantinus, in: DKP, Bd. 5, Sp. 49 f. [34] Gellius, noctes Atticae, II, 13, 2, siehe: Münzer, Friedrich, s. v. Sempronius Asellio, in: RE, Bd. II A, 2, Sp. 1363. [35] Dieter Flach setzt den Beginn der Darstellung des Sempronius Asellio auf 146 v. Chr. (Zerstörung Karthagos) bzw. "allerfrühestens" 168 v. Chr. (Ende des Dritten Makedonischen Krieges), siehe: Flach, Dieter, Römische Geschichtsschreibung, 3. Aufl., Darmstadt 1998, S. 87. [36] Fritz Taeger, Untersuchungen zur römischen Geschichte und Quellenkunde. Tiberius Gracchus, Stuttgart 1928, S. 36, geht davon aus, dass die Darstellungen des C. Fannius und die das Sempronius Asellio gracchenfeindlich waren. Traeger interpretiert Asellio folgendermaßen: Asellio stelle Gracchus als Revolutionär dar, ständig von einer großen Menschenmenge umgeben. In dem Moment der höchsten Gefahr habe er jedoch die Beherrschung und seine Würde (dignitas) verloren. Gracchus lässt seinen Sohn vor das Volke führen und bittet die versammelte Menge, da er für sich selbst keinen Ausweg mehr sieht, unter Tränen und Wehklagen sich seines Sohnes anzunehmen. [37] Dihle, Albrecht, s. v. Velleius Paterculus, in: RE, Bd. VIII A, 1, S. 637-659. [38] Schwartz, Eduard. s. v. Diodoros von Agyrion, in: RE, Bd. V, 1, Sp. 663-707; Meyer (1924) geht auf Diodorus im Zusammenhang mit dem griechischen Geschichtsschreiber und stoischen Philosophen Poseidonios aus Apameia (um 135-51 v. Chr.) ein. Poseidonios hat ein Geschichtswerk verfasst, welches die Zeit ab 146 v. Chr. behandelte. Auszüge dieses Werkes sind uns durch Diodorus erhalten geblieben. Meyer lehnt Poseidonios als "Primärquelle" ab, da dieser klar auf der Seite der Aristokratie, d. h. der Besitzenden stand und "von ihm eine Verherrlichung des demokratischen Standpunktes oder der Gracchen und ihrer Ziele" nicht zu erwarten sei (Meyer 1924, S. 373). Meiner Meinung nach ist diese Ablehnung nicht nachvollziehbar. Poseidonios hat zwar die Wirren selbst noch nicht miterleben können, könnte uns jedoch als zeitnaheste antigracchische Quelle dienen. |
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