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„Unsere Geschichtsforscher befassen sich zu sehr mit Fragen der Vergangenheit.” [1] Der Marxismus-Leninismus als Ausdruck wissenschaftlicher Geschichtserkenntnis? Zur Wissenschaftlichkeit der Historiographie in der DDR von Alexander Klaehr Inhalt I. Der Marxismus-Leninismus und die Geschichtswissenschaft II. Die Steuerung durch die Partei III. Die DDR-Geschichtsschreibung eine Wissenschaft?
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Auch 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung und dem damit
verbundenen Ende des sozialistischen Experiments im Osten Deutschlands ist
die Erforschung der DDR und ihrer Strukturen noch lange nicht
abgeschlossen, und auch der Kampf um die Deutungshoheit zu diesem Thema
erregt immer noch die Gemüter, vor allem wenn es um die Verteidigung
ostdeutscher Biographien geht, die sich in der Ost-West-Diskussion oft
genug gedemütigt und diskreditiert fühlen. Sich
mit der Geschichtsforschung der DDR auseinanderzusetzen bedeutet, sich
historiographisch im Kraftfeld zweier (westlicher) Thesen zur
Wissenschaftlichkeit der marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung
zu bewegen. Das
Interessante an diesem Thema besteht darin, dass an der Causa
DDR-Geschichtswissenschaft schlaglichtartig abgebildet werden kann, wie
die Politik Einfluss genommen hat auf eine nach ihrem Selbstverständnis
autonome Wissenschaft, was eine ganze Kette von Konsequenzen mit sich
brachte. Schließlich legt die Geschichtswissenschaft das Fundament, auf
dem der Geschichtsunterricht in der Schule aufbaut, womit die Einflussnahme
parteilich kontrollierter staatlicher Stellen aktiv die Bildung nicht nur
der Studenten, sondern auch der Schüler [5] dirigierte und delegierte.
Doktrinäre Einflussnahme auf die Wissenschaft ist folglich immer von
gesellschaftlicher Relevanz, in Fächern wie Geschichte (oder auch Politik)
wird das ganz deutlich. |
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I. Der Marxismus-Leninismus und die Geschichtswissenschaft Die Geschichtswissenschaft war ein Teil der ideologisch-politischen Auseinandersetzungen mit dem kapitalistischen Westen, so dass die Einführung des Marxismus-Leninismus in die Geschichtswissenschaft ein politischer Akt war, der in der Erforschung der Vergangenheit politischer, nicht wissenschaftlicher Mittel bedurfte. [6]"Die Geschichtswissenschaft ist ein aktiver Faktor bei der Durchsetzung der Politik der Partei. Sie hat die Lehren der Geschichte zu erarbeiten und zu vermitteln. Auf keinen Fall geht es um eine pragmatische Versimpelung, sondern um die objektive Wahrheit. Es ist zu prüfen, ob wir diesem Erfordernis gerecht werden. [...] Die ,Geschichtswissenschaft des deutschen Volkes’ werden wir nicht ohne öffentlichen Meinungsstreit schreiben können. Dieser Meinungsstreit muß sich natürlich auf dem Boden des Marxismus-Leninismus bewegen." [7] Somit war der sogenannte Meinungsstreit schon kein Disput mehr im wissenschaftlichen Sinne, sondern lediglich eine streng parteilich domestizierte wie determinierte Auseinandersetzung um die Auslegung der herrschenden Doktrin. Das Besondere am Marxismus-Leninismus war, dass dieser „die wissenschaftlich begründete Führung des proletarischen Klassenkampfes und des sozialistischen und kommunistischen Aufbaus [...] und [...] so als theoretische Anleitung zur praktisch-revolutionären Veränderung der Welt” [8] darstellte. Walter Schmidt, Direktor des Zentralinstituts für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften, konstatierte, dass der „Marxismus-Leninismus in der Geschichtswissenschaft der DDR zur herrschenden theoretischen Grundlage” [9] wurde. Er verkörperte den „Sieg über die bürgerliche Geschichtswissenschaft” [10] mit ihren angeblich den imperialistischen Kapitalismus stützenden Methoden. Die ideologische Indoktrination dieses Wissenschaftszweiges führte in der Tat zum Bruch mit der bürgerlich-nationalen Geschichtsschreibung und fokussierte sich ganz auf die Arbeiterbewegung und ihre Entwicklung. [11]
Der teleologische Charakter des Marxismus-Leninismus als wissenschaftliche
Weltanschauung zeigt sich, indem er mit wissenschaftlichen Mitteln
versucht, vergangene Ereignisse und Phänomene
politisch-gesellschaftlicher, kurzum: historischer Natur und Relevanz zu
erklären, aber auch zukünftige Entwicklungen vorherzusagen
[12] – wobei diese Vorhersagen lediglich im engen Umfeld des
Historischen Materialismus anzutreffen sind und somit letztlich von einer
Art sachlich-säkularem Messianismus künden, dem Kommunismus. Diesbezüglich
diente der Marxismus-Leninismus einerseits als Weltanschauung und
philosophisches Erklärungssystem, andererseits als politische
Handlungslehre, so dass seine Hauptfunktion in der Legitimation der einzig
wahren und Wahrheit verkündenen Instanz lag, nämlich der staatstragenden
Partei der SED. [13] "Der Marxismus-Leninismus war dasjenige politische und pseudowissenschaftliche Instrument, mit dem das System und der totalitäre Herrschaftsanspruch der SED legitimiert werden sollten. Der Geschichtswissenschaft kam dabei eine besondere Funktion zu, da die Gesellschaft ihre Legitimation einzig und allein aus der Geschichte bezog." [17] Dadurch war die Geschichtswissenschaft in der DDR in erster Linie ein
Parteiorgan, das im Sinne der Ideologie und nicht im Sinne der
Wissenschaft agierte [18], um die Herrschaft der SED
zu begründen und um für die DDR eine Identifikation zu schaffen.
[19] Die Ergebnisse, zu denen die DDR-Historiker
kamen, waren in der Regel vorgegeben, inhaltlich wie auch methodisch,
wenngleich es durchaus Freiräume gab. [20] Für die Unterordnung jedweder Wissenschaft unter die politische Führung und ihrer Ziele – das tangiert natürlich im besonderen Maße die Geisteswissenschaften – stand der Leninismus im Marxismus-Leninismus. Denn hier mutet es geradezu grotesk an, dass der quasi synonymisch für Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen stehende Marxismus von Historikern der DDR überhaupt noch guten Gewissens in den Mund genommen werden konnte. Das Kritische, also das Marx’sche Metier überhaupt, fand keinen Eingang in das methodologische Repertoire der marxistisch-leninistischen Historiker [22], da die wissenschaftlichen Spielregeln von der die Deutungshoheit über Marx besitzenden SED vorgegeben wurden. Was Nachgeborenen und fachfremden Zeitgenossen als geradezu paradox vorkommen muss, wenn nichtsdestotrotz Zitate von Marx in sämtlichen Arbeiten zum Zitatekanon der sogenannten marxistisch-leninistischen Klassiker gehörten, ist hier kein Gegensatz. In einer Geschichtswissenschaft, die entsprechende Texte entfremdete, ihres Sinns entstellte, sie zu ihren Gunsten verdrehte und verfälschte [23], so dass sie gemäß parteidoktrinärer Erwägungen doch noch tauglich, zumal obligatorisch waren, sollte dieser Umstand nicht verwundern. Wurde dies jedoch nicht erfüllt, hatte man sich in Selbstkritik zu üben, wie folgendes Beispiel zeigt: "Die wissenschaftliche Erforschung und Darstellung eines historischen Ereignisses erfordert vom Historiker, daß er in allen Fragen stets das marxistische Prinzip der Parteilichkeit konsequent beachtet und anwendet. Es ist mir nicht gelungen, dieser wesentlichen Forderung konsequent in jedem Falle nachzukommen. Die Beschlüsse der Partei der Arbeiterklasse, die Berichte und Arbeiten ihrer führenden Mitglieder weisen dem marxistischen Historiker in der Forschung und Darstellung die Richtung, weil diese Materialien zu den in Frage stehenden historischen Ereignissen mit Hilfe der Wissenschaft des Marxismus-Leninismus erarbeitet worden sind und darum bereits das Wesentliche der objektiven Wirklichkeit widerspiegeln." [24] Die Geschichtswissenschaft neuen Typs in der DDR verkörperte pars pro
toto für die gesamte Gesellschaft den von der sozialistischen Nomenklatura
und Propaganda gewünschten Typus des neuen Menschen, der „a priori
sowohl von der kommunistischen Macht abhängig als auch ihr ergeben war und
er seine Kraft und Arbeit eifrig dem Gral opferte”.
[25] Das hatte nun wiederum die „monolithische” [26]
marxistisch-leninistische Ausrichtung in der Geschichtswissenschaft zur
Folge, die alleinig für Präzision in Lehre und Forschung Pate stehen
konnte. Besonders sticht hervor, dass gerade die ostdeutsche
Historikerzunft nahezu geschlossen hinter der Führung der SED während der
unruhigen 50er Jahre stand, im Gegensatz zu anderen
Wissenschaftsdisziplinen, denen bis zum Mauerbau doch zahlreiche
Wissenschaftler abhanden kamen oder die gegen das Regime mit seinen allzu
unwissenschaftlichen Dekreten rebellierten. [27] |
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II. Die Steuerung durch die Partei II.1. Der Einfluss des ZK Für die
Verwebung von Politik und Wissenschaft war die Abteilung Wissenschaft des
ZK zuständig, an dessen Spitze Kurt Hager als ZK-Sekretär für Kultur und
Wissenschaft stand. Das Ziel dieser Abteilung war die Ideologisierung und
Politisierung der Arbeit des Hochschul- und Wissenschaftswesens.
[28] Das schlug sich u. a. darin nieder, dass die
Abteilung Wissenschaft „für die ,Anleitung und Kontrolle der
politisch-ideologischen und thematischen Konzeption in den ihr
zugeordneten theoretischen Zeitschriften und den Zeitungen der
Parteiorganisationen der Universitäten’” [29]
zuständig war, womit die Durchsetzung des Marxismus-Leninismus in der
Geschichtswissenschaft (wie ja auch im übrigen akademischen Betrieb)
institutionell abgesichert war. In der Abteilung Wissenschaft trat
insbesondere die Ideologische Kommission hervor, deren Kompetenzen u. a.
das Entscheiden über Forschungsvorhaben, Veröffentlichungen und
dergleichen mehr umfassten. [30] Auch hier wurde nicht
selten unter planwirtschaftlicher Maßgabe gearbeitet, wie das Beispiel aus
den 50er Jahren des in zwei Jahren zu erstellenden Buches über eine
Geschichte des deutschen Volkes zeigt. Dass das angesichts normaler
geschichtswissenschaftlicher Arbeitsweisen realitätsfern war
[31] (und auch nicht eingehalten werden konnte), zeigt
die Absurdität, die den Wissenschaftsbetrieb der DDR vor allem in den
Geisteswissenschaften auszeichnete. [32] |
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Wie sehr die Politik – selbst die Genossen aus der Sowjetunion – Einfluss auf Fragen der geschichtlichen Interpretation hatten, zeigt beispielsweise die von der Abteilung Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung beim Institut für Marxismus-Leninismus herausgebrachte achtbändige „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung”, an der selbst Ulbricht mitformulierte und missliebige Stellen strich, während bei Aussagen über die Sowjetunion entsprechend sowjetische Kollegen des dortigen gleichnamigen Instituts konsultiert wurden. [33] Hierbei kam nicht nur zum Tragen, dass die Partei die Hoheit über die Auslegung von Geschichte hatte, nein, ihre Funktionäre waren dazu scheinbar auch inhaltlich qualifiziert, wie folgendes Zitat belegt: "Zwischen Politik und Wissenschaft besteht eine Wechselbeziehung. Stellt die Politik der Wissenschaft die Aufgabe und bestimmt Richtung und Ziel ihrer Arbeit, so liefert oder vielmehr müßte die Wissenschaft ihrerseits der Politik durch exakte Analysen der gesellschaftlichen Entwicklung die Grundlagen für ihre Entschlüsse liefern. [...] Wenn unsere Partei [...] stets die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen und sie in ihrer Politik angewendet hat, so deshalb, weil unsere führenden Genossen neben jahrzehntelangen Erfahrungen im Klassenkampf über eine umfassende historische Bildung verfügen, was ihnen in Verbindung mit der Fähigkeit zur schöpferischen Anwendung des Marxismus-Leninismus außerdem noch ermöglicht, den Historikern prinzipielle Hinweise für die eigene Arbeit zu geben." [34] II.2. Unterwerfung unter die Partei Die Geschichtsforschung hatte sich den Wünschen und Vorstellungen der Politik bedingungslos unterzuordnen, um, so Kurt Hager, den politischen Erfordernissen in der Systemauseinandersetzung gerecht zu werden. [35] Konkret sollten also die Forschungsergebnisse die politischen Bedürfnisse befriedigen, [36] die die Geschichtswissenschaft zu einer instrumentellen Propagandaproduzentin degradierte, die sich selbst diesbezüglich auch als ebenso willfährig erwies wie sie sich der vehement geforderten Parteigefolgschaft unterwarf und doktrinär die von der Partei vorgegebene Linie umsetzte. Damit erfüllte sie alle ihr zugedachten Funktionen: "1. Legitimationsfunktion; Doch wurden diese Vorgaben möglichst breit ausgelegt, um einerseits immer den Vorgaben zu genügen (vor allem bei Veröffentlichungen), andererseits aber um eigenen Interpretationsmöglichkeiten doch durchaus Spielraum zu geben in internen Diskussionen. [38] Doch konnte vor allem auch intern häufig nicht offen diskutiert werden, sofern man hier wirklich von offener Diskussion in unserem Sinne sprechen mag, da Parteifunktionäre von Instituts- und Parteileitung andere, geschichtswissenschaftsfremde Verhaltensweisen zeigten, die nur die Parteidienlichkeit als Kriterium der Daseinsberechtigung der Geschichtswissenschaft ansahen, und nicht etwa objektivierend ausgerichtete wissenschaftliche Standards. Besonders anschaulich lässt sich das verdeutlichen an einem Vortrag zum 25. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges, der vom Leiter der Arbeitsgruppe Faschismus und Zweiter Weltkrieg, Günter Paulus, vor DDR- und westdeutschen Historikern vorgetragen wurde. Zwar vom zuständigen ZK-Gesandten für Geschichte und von der Leitung des Instituts für Geschichte abgesegnet, fiel der Vortrag bei anwesenden hohen Funktionären der Parteinomenklatura durch, da: "1. Unzureichende Berücksichtigung der
KPD im Referat, wobei kaum inhaltliche Bezüge zur Thematik hergestellt
werden konnten. Das hatte zur Folge, dass
dieser Vortrag aus den genannten ideologischen Gründen nicht
veröffentlicht werden konnte, was Paulus dann aber trotzdem in einem
anderen Fachblatt tat, woraufhin er ein Disziplinarverfahren erhielt und
aller Funktionen enthoben wurde. [40] |
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III. Die DDR-Geschichtsschreibung eine Wissenschaft? III.1. Die Einheit von Partei und Wissenschaft Die Inhalte der DDR-Geschichtsschreibung waren eine skurrile Melange aus Mythos und Realität, Erfindung und Wahrheit, [41] kurzum: was in der DDR unter dem Begriff Geschichtswissenschaft firmierte, war in Wirklichkeit eher die Bildung einer den real existierenden Sozialismus absichernden Legende. "Der totale Geltungsanspruch der SED-Diktatur hat im Bestreben, die Utopie einer in sich geschlossenen sozialistischen Gegenwelt zu schaffen, auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte nicht bloß ,gleichgeschaltet’, erwünschte Erkenntnisse prämiert und mißliebige unterdrückt, sondern dem westlichen ein eigenes Wissenschaftsideal entgegenzustellen versucht, das im Namen der Wissenschaft die wissenschaftlichen Prozeduren gesicherter Erkenntnisgewinnung außer Kraft setzte, die politische Lenkung der Wahrheitssuche als wahre Objektivität und das naive Beharren auf unbezweifelbaren Tatsachen, als schädlichen ,Objektivismus’ anzusehen forderte." [42] Den Vorgaben der Partei in der
Wissenschaft gerecht zu werden, galt daher als höchstes zu erfüllendes
Handlungsgebot. Die Dialektik des Historischen Materialismus hatte Vorrang
vor der Aussagekraft einer historischen Quelle, wenn dies der angestrebten
Einheit von Partei und Wissenschaft förderlich war. [43] III.2. Die teleologische Geschichtswissenschaft Die
DDR-Geschichtsschreibung war letztlich das sozialistische Pendant zur
fortschrittsgläubigen, besonders durch die Sozialgeschichte dominierte
westliche Meta-Erzählung, die zwar keine politischen Vorgaben bekam und
tatsächlich frei forschen konnte, deren Protagonisten aber häufig genug –
und das lässt sich auch nicht vermeiden – eine eigene politische Meinung
zu bestimmten historischen Themen hatten und mitunter ein Geschichtsbild
pflegten, in das eine Welt mit einem planwirtschaftlich-diktatorischen
Ostblock nicht so recht hineinpassen wollte und die westliche
Geschichtsschreibung von daher durchaus auch politisch motiviert war. "Das politische Ziel dieser Neukonstruktion war die Brechung der bürgerlichen Diskursherrschaft über die Vergangenheit durch die Etablierung eines eigenen sozialistischen Geschichtsbildes. Mit dem Hinweis auf deren national-konservative Praxis wiesen DDR-Historiker das Objektivitätsgebot westlicher Forscher zurück und bezogen sich statt dessen auf den Marxismus-Leninismus als theoretische Basis zur Erklärung historischer Prozesse. [...] Indem DDR-Historiker die bürgerliche Historiographie als Hilfsmittel des Imperialismus entlarvten, waren sie mehr als bereit, ihre eigene Forschung zur Legitimierung einer antifaschistischen Alternative einzusetzen." [51] Dieses Denken hatte zur Folge, dass sich die DDR-Historiker viel mit der westlichen, vor allem westdeutschen Geschichtsschreibung auseinandersetzten, um diese mit ihrem Standpunkt zurückzuweisen, [52] was aber wiederum zu einer starken Vernachlässigung der eigenen Forschungstätigkeit führte, denn durch „ihre Selbstinstrumentalisierung im Dienste des Marxismus-Leninismus und der SED sind viele ihrer Aussagen eher politisch als wissenschaftlich zu verstehen”. [53] III.3. Die DDR-Geschichtswissenschaft als Alternativmodell zum Westen?
Trotz aller politischen Implikationen könnte die
DDR-Geschichtswissenschaft durchaus als Alternative zur borussisch
geprägten national-historischen Geschichtsschreibung der frühen
Bundesrepublik angesehen werden. [54] Doch träfe dies
eben nur auf diese oberflächliche Sichtweise zu, die sich lediglich auf
die Charakteristik zweier parallel existierender Geschichtsschulen
kapriziert. III.4. Die Objektivität ist eine historische, keine politische Frage Hier kommt die Frage auf, um welche Art von Wahrheit es sich im Wissenschaftsbetrieb der DDR handelte, um die (eigentliche) empirisch nachvollziehbare, oder aber um eine ideologische, die nur verstehen konnte, der die marxistisch-leninistischen Termini inklusive ihres Bedeutungshorizontes decodieren konnte? Das östliche Geschichtsverständnis kannte keine die Klassen übergreifende historische Erkenntnis, sondern sie war durch ihre Zugehörigkeit zu einer Ideologie auch immer durch diese determiniert. [61] Da es nach Lenin nichts Objektives zwischen sozialistischer und bürgerlicher Ideologie geben konnte, war somit auch ein objektives Geschichtsbild unmöglich, das sich einer entsprechenden Wahrheitssuche verpflichtet fühlt: „Demzufolge ist der Marxismus-Leninismus sowohl wissenschaftliche Theorie als auch wissenschaftlich begründete Ideologie. Diese Ideologie ist zugleich Ausdruck wissenschaftlicher Geschichtserkenntnis.” [62] Die Objektivität kam also erst zustande, indem
der Historiker jener vermeintlichen objektiven Tatsache Tribut zollte, die
die Arbeiterklasse zum Impulsgeber des historischen Fortschritts machte,
so dass sich hier quasi ein dialektisches Verhältnis zwischen den
Historikern und des teleologischen Ganges der Geschichte etablierte, das
es ihnen unmöglich machte, nicht objektiv zu sein, schon um der
bürgerlichen Geschichtsschreibung ihre sogenannte Willkür zu nehmen.
[63] "Er relativiert sie [die Wahrheit, A.K.], indem er ihre Erkenntnis an die Einnahme eines politischen Standpunktes bindet; er verengt sie, indem er der marxistischen Geschichtstheorie das Deutungsmonopol einräumt; und er instrumentalisiert sie, indem er ihr neben der weltanschaulichen Bindung (an den Marxismus) auch die politische (an die SED) zugrundelegt." [64] Die
Verschmelzung von Geschichtsschreibung und Ideologie führte zu einem
Zerrbild der Geschichte, das eher einer Legendenbildung zugunsten des
sozialistischen Fortschritts gleichkam als einer objektiven Darstellung
von Ereignissen und ihren Zusammenhängen. Gemäß dem Stalin’schen Diktum,
dass die Künstler die Ingenieure der Seele seien, [65]
müsste man wohl die Historiker als die Ingenieure einer die Partei
stützenden geschichtlichen Hoferzählung bezeichnen. Die Treue zur
Parteilinie zählte mehr als die Orientierung an den historischen
Tatsachen, so dass die Beschäftigung mit den Quellen – ein Wesenselement
seriöser Geschichtswissenschaft – sogar eher verpönt war und als
schädlicher „Objektivismus” [66] gebrandmarkt wurde,
der zudem schon dadurch diskreditiert schien, als dass er als per se
bürgerlich galt. Ganz augenfällig wird die Problematik der
Parteilichkeit am Beispiel der Entscheidung über die Frage des Charakters
der Novemberrevolution von 1918. Der Meinungsstreit über die
Bürgerlichkeit oder proletarische Charakteristik der Ereignisse wurde
letztendlich vom Politbüro entschieden. [69] Im
Vorfeld aber wurde beispielsweise ein Redebeitrag für eine Fachtagung in
Leipzig 1957, die sich mit der Oktoberrevolution und Deutschland
beschäftigte, innerhalb der Partei sowie der Abteilung
Agitation/Propaganda beim ZK der KPdSU rege diskutiert.
[70] Dem Beitrag eines DDR-Historikers, der das Ereignis neu
bewertete, „daß die Novemberrevolution 1918 in Deutschland ihrem Charakter
nach eine sozialistische Revolution gewesen sei, die eine Niederlage
erlitt”, [71] wurde vehement widersprochen. Der
Führungsanspruch der Sowjetunion in revolutionären und parteilichen, also
marxistisch-leninistischen Fragen sollte nicht unterminiert werden, indem
man die eher weniger leninistisch geprägte Spartakus-Gruppe und Rosa
Luxemburg in der Novemberrevolution postum zu Helden einer gescheiterten
sozialistischen Revolution stilisierte. [72] |
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Es lässt sich nun aus den vorangegangenen Bemerkungen schließen, dass
die Historiographie der DDR nicht als wissenschaftlich in unserem Sinne
anzusehen ist. Zwar ist der Historische Materialismus eine durchaus
interessante Sicht auf die Geschichte und ihre Entwicklung, doch ist sie
nicht zielführend, da es den roten Faden in der Geschichte nicht gibt.
Diese hat Brüche, Ecken und Kanten und lässt sich in kein Weltbild
pressen, wenn man es mit der Wissenschaftlichkeit ernst nimmt. Und das
Merkmal der Wissenschaftlichkeit gibt die marxistisch-leninistische
Geschichtsforschung nur vor, denn anhand der aufgezählten Tatsachen wird
der Lenin’sche Mythos von der Wissenschaftlichkeit des
Marxismus-Leninismus gänzlich entzaubert. |
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Böhme, Waltraud (Hrsg.): Kleines Politisches Wörterbuch, Berlin 1978. Eckermann, Walther; Mohr, Hubert (Hrsg.): Einführung in das Studium der Geschichte, Berlin 1973. Jarausch, Konrad H.: Die DDR-Geschichtswissenschaft als „Meta-Erzählung”, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 19-34. Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die Durchsetzung des Marxismus-Leninismus in der Geschichtswissenschaft der DDR (1945-1961), in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 31-59. Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009. Mehls, Hartmut: Reformwille und Parteiräson. Zur Frage widerständigen Verhaltens am Akademie-Institut für Geschichte, in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 226-243. Neuhäußer-Wespy, Ulrich: Der Parteiapparat als zentrale Lenkungsinstanz der Geschichtswissenschaft der DDR in den fünfziger und sechziger Jahren, in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 144-180. Petzold, Joachim: „Meinungsstreit” im Herrschaftsdiskurs, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln - Weimar - Wien 2000, S. 287-307. Sabrow, Martin: Das Diktat des Konsenses. Geschichtswissenschaft in der DDR 1949-1969, München 2001. Sabrow, Martin: Das Wahrheitsproblem in der DDR-Geschichtswissenschaft, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 25/1996, S. 233-257. Sabrow, Martin: Einleitung: Geschichtsdiskurs und Doktringesellschaft, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln - Weimar - Wien 2000, S. 9-30. Sabrow, Martin: Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation. Der Fall DDR, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 7-18. Sabrow, Martin: Parteiliches Wissenschaftsideal und historische Forschungspraxis. Überlegungen zum Akademie-Institut für Geschichte (1956-1989), in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 195-226. Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Bonn 1999. |
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| Anmerkungen [1] Walter Ulbricht zitiert nach Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, S. 63: ZK-Abteilung Wissenschaften, Aktennotiz, 12.5.1955. BArch, SAPMO, DY 30, IV 2/904/111, Blatt 212. [2] Sabrow, Martin: Parteiliches Wissenschaftsideal und historische Forschungspraxis. Überlegungen zum Akademie-Institut für Geschichte (1956-1989), in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 196. [3] Ebd. [4] Sabrow, Martin: Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation. Der Fall DDR, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 10. [5] Zu der Frage, inwieweit diese wissenschaftlichen Grundlagen (in diesem Fall im Zeitraum von 1945-1961) als wichtige Faktoren der politischen Sozialisation in der SBZ/DDR fungierten, kann man u.a. nachlesen bei Saskia Handro: Geschichtsunterricht und historisch-politische Sozialisation in der SBZ und DDR (1945-1961). Eine Studie zur Region Sachsen-Anhalt, Weinheim - Basel 2002. [6] Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die Durchsetzung des Marxismus-Leninismus in der Geschichtswissenschaft der DDR (1945-1961), in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 34. [7] Zitiert nach Sabrow, Martin: Das Wahrheitsproblem in der DDR-Geschichtswissenschaft, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 25/1996, S. 247: Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, ZIG 614 e. [8] Böhme 1978, S. 549. [9] Jarausch, Konrad H.: Die DDR-Geschichtswissenschaft als „Meta-Erzählung”, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 21. [10] Ebd. [11] Jarausch 1997, S. 21 f. [12] Kowalczuk 1995, S. 34. [13] Ebd. [14] Kowalczuk 1995, S. 35. [15] Sabrow 2001, S. 13. [16] Kowalczuk 1995, S. 36. [17] Kowalczuk 1995, S. 37. [18] Kowalczuk 1995, S. 37. [19] Sabrow 2001, S. 7. [20] Sabrow 2001, S. 17. [21] Kowalczuk 1995, S. 37. [22] Kowalczuk 1995, S. 39. [23] Ebd. [24] Zitiert nach Sabrow 1996, S. 250: BArch, SAPMO, ZPA, IV 2/9.04/398. [25] Kowalczuk 1995, S. 42. [26] Kowalczuk 1995, S. 50. [27] Kowalczuk 1995, S. 51. [28] Neuhäußer-Wespy, Ulrich: Der Parteiapparat als zentrale Lenkungsinstanz der Geschichtswissenschaft der DDR in den fünfziger und sechziger Jahren, in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 147. [29] Neuhäußer-Wespy 1995, S. 149. [30] Neuhäußer-Wespy 1995, S. 153. [31] Neuhäußer-Wespy 1995, S. 154. [32] Im Übrigen traf dies aber auch auf die Naturwissenschaften insofern zu, als dass in jenen kein Buch veröffentlicht werden konnte, ohne dass die eröffnende Einleitung nicht ohne Bezug zum Sozialismus und seinen Errungenschaften und Institutionen auskam – auch wenn das freilich die Forschungsergebnisse nicht weiter zu tangieren brauchte, da diese nun einmal auf andere Weise zustande kamen. [33] Neuhäußer-Wespy 1995, S. 166 f. [34] Zitiert nach Sabrow 1996, S. 247: BArch, SAPMO, ZPA, IV 2/9.04/398. [35] Mehls, Hartmut: Reformwille und Parteiräson. Zur Frage widerständigen Verhaltens am Akademie-Institut für Geschichte, in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 232. [36] Ebd. [37] Mehls 1995, S. 233. [38] Mehls 1995, S. 234. [39] Mehls 1995, S. 239. [40] Ebd. [41] Sabrow 1997, S. 14. [42] Sabrow 1995, S. 201. [43] Jarausch 1997, S. 22. [44] Eckermann; Mohr (Hrsg.) 1973, S. 19 ff. / 215 ff. [45] Jarausch 1997, S. 22 f. [46] Sabrow, Martin: Einleitung: Geschichtsdiskurs und Doktringesellschaft, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln - Weimar - Wien 2000, S. 21. [47] Jarausch 1997, S. 24. [48] Jarausch 1997, S. 24 f. [49] Jarausch 1997, S. 25. [50] Jarausch 1997, S. 27. [51] Jarausch 1997, S. 28. [52] Jarausch 1997, S. 28. [53] Jarausch 1997, S. 33. [54] Sabrow 1996, S. 234. [55] Sabrow 1996, S. 235 ff. [56] Sabrow 1996, S. 237. [57] Sabrow 1996, S. 236. [58] Sabrow 1996, S. 238. [59] Sabrow 1996, S. 239. [60] Ebd. [61] Sabrow 1996, S. 242. [62] Zitiert nach Sabrow 1996, S. 242: Lenin, Wladimir Iljitsch: Was tun?, in: ders.: Werke. Band 5, Berlin 1955, S. 396. [63] Sabrow 1996, S. 243. [64] Sabrow 1996, S. 243. [65] Vgl. Wolle 1999, S. 236. [66] Sabrow 1996, S. 244. [67] Sabrow 1996, S. 246 ff. [68] Sabrow 1996, S. 252. [69] Sabrow 1996, S. 246. [70] Petzold, Joachim: „Meinungsstreit” im Herrschaftsdiskurs, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln - Weimar - Wien 2000, S. 301. [71] Petzold 2000, S. 301. [72] Petzold 2000, S. 302. [73] Kowalczuk 2009, S. 63. |
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