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„Wer sich in die Gewalt eines anderen kommendiert“
Zur Didaktik des Mittelalterunterrichts am Beispiel des Lehnswesens (Fortsetzung)

von Prof. Dr. Thomas Martin Buck (PH Freiburg)

5. Ein Beispiel aus der mittelalterlichen Geschichte

Ich will im Folgenden an einem kleinen Beispiel aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufzeigen, wie mittelalterliche Geschichte aktuell und inaktuell zugleich sein kann. Gleichzeitig will ich zeigen, warum eine reflektierte Didaktik der Geschichte so wichtig ist. Ich habe das Beispiel ausgewählt, weil es für unsere moderne Beschäftigung mit dem Mittelalter in gewisser Hinsicht typisch ist und weil ich meine, dass Schüler vielleicht etwas damit anfangen können. Es macht zugleich Motive, Absichten und Intentionen der modernen Mittelalter-Rezeption deutlich, mit denen wir im Rahmen einer Geschichtsdidaktik des Mittelalters stets rechnen, in die wir aber korrigierend eingreifen und die wir historisch hinterfragen müssen.

Ich habe als Beispiel das mittelalterliche Lehns- oder Benefizialwesen ausgewählt, weil es seit dem 8. Jahrhundert zu einer der Grundlagen der mittelalterlichen abendländischen Gesellschaft wurde.[44] Es ist einerseits so mittelaltertypisch, dass etwa der französische Historiker Marc Bloch 1939/40 das gesamte Zeitalter idealtypisch als »Feudalgesellschaft« (société féodale, âge de la féodalité) bezeichnen konnte.[45] Zeitlich reichen die letzten Ausläufer dieser Feudalgesellschaft zudem bis ins 18. und 19. Jahrhundert, also weit über das »offizielle« Mittelalter hinaus, was eine gewisse, über das Mittelalter hinausgehende Aktualität des Themas garantiert. Andererseits ist uns dieses Feudalzeitalter mit seinen sprechenden Gesten, formalisierten Riten und symbolischen Handlungen aber auch wieder so fremd, unverständlich und entrückt, dass es gut für das, was wir eingangs als die „Alterität des Mittelalters“[46] bezeichnet haben, herhalten kann.

Bismarcks Diktum vom 22. September 1862

Otto Graf Bismarck-Schönhausen als Ministerpräsident und Kanzler des Norddeutschen Bundes (1867); (c) www.dhm.deIch beginne zur Erläuterung dessen, was ich anfangs als die »Aktualität des inaktuellen Mittelalters« bezeichnet habe, mit einer kleinen, anekdotenhaften Geschichte, die zeitlich noch nicht ganz so weit entfernt liegt. Sie spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der preußische Verfassungskonflikt hatte den preußischen Staat in eine tiefe Krise gestürzt, deren Ausgang den weiteren Verlauf der preußischen und deutschen Geschichte nachhaltig beeinflusste. Auf dem Höhepunkt dieses Konflikts berief der preußische König Wilhelm I., der angesichts der – aus seiner Sicht intransingenten – Opposition bereits zu Gunsten seines Sohnes abdanken wollte, am 22. September 1862[47] Otto von Bismarck, zum Ministerpräsidenten, der bis dahin preußischer Gesandter in Paris gewesen war. Bismarck, der zu diesem Zwecke vom König auf Schloss Babelsberg bei Potsdam empfangen wurde, war gewillt, den Konflikt mit dem Parlament über die Heeresreform auch gegen die Bestimmungen der Verfassung durchzustehen. Er versicherte denn auch dem König mit folgenden Worten seine unbedingte Loyalität:

„Ich fühle wie ein kurbrandenburgischer Vasall, der seinen Lehnsherrn in Gefahr sieht. Was ich vermag, steht Euer Majestät zur Verfügung“.[48]

Bismarck hat diese Worte, zumal in diesem historisch wichtigen Augenblick, gewiss nicht ohne Bedacht gewählt. Sie bezeugen nicht nur seine ebenso tiefe wie natürliche Devotion gegenüber der Monarchie, sondern kommen, streng genommen, einem mittelalterlichen Treueidformular gleich. Die persönliche Verpflichtung gegenüber dem König rangierte vor der institutionellen Verpflichtung auf den abstrakten Staat und seine Verfassung. Der Lehensmann, hier Vasall genannt,[49] bekundet dem Lehensherrn persönlich seine unbedingte Treue. Wir kennen diesen Rechtsakt der Kommendation aus vielen mittelalterlichen Rechtsquellen. Der belgische Mediävist François Louis Ganshof hat hierzu eine zwar schon recht alte, aber immer noch hilfreiche Monographie vorgelegt. Das Überraschende und Fatale ist nur, diese Worte fallen nicht im 7., 8. oder 9. Jahrhundert, sie werden auch nicht von einem Vasallen des Mittelalters gesprochen, sondern von einem Menschen des 19. Jahrhunderts. Sie scheinen eine historisch höchst bedeutsame Entwicklung, die der Freiburger Historiker Wolfgang Reinhard erst unlängst als „Erfindung des Staates“ bezeichnet hat,[50] jedenfalls rückgängig machen und eine Rückkehr ins Feudalzeitalter propagieren zu wollen.

Wir müssen an dieser Stelle nicht weiter darüber spekulieren, warum Bismarck 1862 auf das altüberkommene Rechtsinstitut der Vasallität rekurrierte. Denn die Umstände seiner Berufung machen hinreichend klar, dass durch den Rekurs auf das mittelalterliche Lehnswesen der modernen Parlamentsherrschaft, wie sie sich in der liberalen Majorität des preußischen Abgeordnetenhauses manifestierte, eine entschiedene Absage erteilt werden sollte. Es handelt sich um eine rückwärtsgewandte Utopie.

Der historische Widerspruch, der damit in der politischen Vorstellungswelt Bismarcks zum Ausdruck kommt, besteht darin, dass Bismarck zu einem Zeitpunkt, als die politische Moderne unwiderruflich angebrochen war, eine mittelalterliche Gesellschaftsformation aktualisierte, die – trotz der Ausläufer bis ins 19. Jahrhundert hinein – längst nicht mehr aktuell, sondern inaktuell, ja geradezu anachronistisch war. Schon am 11. August 1789 hatte die französische Nationalversammlung die Feudalgesellschaft für beendet erklärt. Der historische Beschluss lautete: „Die Nationalversammlung vernichtet das Feudalwesen völlig“.[51] Wenn Bismarck 1862 gleichwohl auf eben diese, was das Lehnswesen anbelangt, längst untergegangene Feudalgesellschaft rekurrierte, so ist sein Motiv klar. Es ist selbstverständlich politischer und nicht historischer Natur: der bewusst evozierte Anachronismus kommt nicht nur einem Verdikt über das politisch-liberale System der Gegenwart gleich, er verklärt und überhöht zugleich auch das Herrschafts- und Gesellschaftsgefüge des Mittelalters. Was uns hier begegnet, ist das romantisch-ästhetische Mittelalterbild, das wir vor allem aus dem 19. Jahrhundert kennen. Frank-Rutger Hausmann hat diesbezüglich sogar von einer »Entdeckung« des Mittelalters gesprochen.[52]

Mittelalterliche Geschichte als Argument

Wichtig für uns ist in diesem Zusammenhang nicht der historische Sachverhalt als solcher. Denn er hat mit dem Mittelalter nichts zu tun und braucht uns hier nicht weiter zu interessieren. Wichtig für uns ist, wie Bismarck mit der mittelalterlichen Geschichte konkret umgeht, wie und warum er die zu seiner Zeit inaktuelle Geschichte des Mittelalters aktualisiert. Denn hier können wir etwas für unsere eigene Beschäftigung mit dem Mittelalter lernen. Er benutzt sie bewusst als Argument im politischen Tagesgeschäft. Das ist nicht neu. Wir kennen diese Methoden bereits aus dem so genannten Investiturstreit.[53] Hans-Werner Goetz hat auf den „Griff in die Vergangenheit zum Beweis aktueller Ansprüche“ im Hochmittelalter explizit hingewiesen.[54] Auch Bismarck setzt dieses Instrument bewusst ein. Es geht insofern nicht zu weit, wenn man von einer Funktionalisierung der Geschichte spricht, und zwar deshalb, weil Bismarck nicht nur sachlich, wie dies etwa in einem Lehrgespräch möglich gewesen wäre, auf das mittelalterliche Lehnswesen verweist, es erklärt oder analysiert, sondern – und das ist sein Hauptmotiv – zugleich auch eine Vorstellungswelt evoziert, die sich für den König, aber wohl auch für die gebildete Öffentlichkeit der damaligen Zeit mit „dem Mittelalter“ zwangsläufig verband.

Das 19. Jahrhundert und viele seiner politischen Strömungen haben auf das Mittelalter zugegriffen, „um aus dieser Geschichte die Legitimation und Richtschnur für das eigene politische Wollen und Handeln zu gewinnen“.[55] Das „gute, alte“ Mittelalter wird ebenso kontrastiv wie unhistorisch der „bösen, neuen“ Gegenwart gegenübergestellt – und damit vereinseitigt. Nebenbei wird der seit der Antike überkommene Topos von der „guten alten Zeit“ (laudatio temporis acti) bemüht, die schon damals in kritischer Absicht dem Heute gegenübergestellt wurde. Bismarck steht hier offenbar noch ganz in der Tradition der relativ unkritischen Mittelalterverherrlichung der Romantik, wie sie vielleicht am prägnantesten bei Novalis (1772–1801) zum Ausdruck kam.[56]

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[44] Grundsätzlich François Louis Ganshof, Was ist das Lehnswesen?, Darmstadt 1961 (erstmals 1944 erschienen) sowie Feudalismus. Zehn Aufsätze, hg. von Heide Wunder, München 1974; Hans K. Schulze, Grundstrukturen der Verfassung im Mittelalter. Bd. 1: Stammesverband, Gefolgschaft, Lehnswesen, Grundherrschaft, 2., verb. Aufl., Stuttgart – Berlin – Köln 1990, S. 54–94; Hagen Keller, Art. Lehen, Lehnswesen, Lehnrecht, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 5, München – Zürich 1991, Sp. 1807–1813 sowie Karl-Heinz Spieß, Das Lehnswesen in Deutschland im hohen und späten Mittelalter, Idstein 2002. Von der älteren Forschung seien hier nur die Arbeiten von Heinrich Mitteis und Otto Brunner erwähnt. Von Susan Reynolds, Fiefs and Vasalls. The Medieval Evidence Reinterpreted, Oxford 1994 wird die Bedeutung des mittelalterlichen Lehnswesens bezweifelt. Siehe auch Wolfgang Reinhard, Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1999, S. 33.

[45] Marc Bloch, Die Feudalgesellschaft, Frankfurt a. M. – Berlin – Wien 1982. Die französische Ausgabe erschien 1939 unter dem Titel „La société féodale“.

[46] Hierzu Gerd Althoff, Sinnstiftung und Instrumentalisierung: Zugriffe auf das Mittelalter. Eine Einleitung, in: Ders. (Hg.), Die Deutschen und ihr Mittelalter (wie Anm. 29), S. 1–6, hier S. 5 sowie Spieß (wie Anm. 44) S. 20 f.

[47] Ernst Engelberg, Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer, Berlin 1985, S. 525–542.

[48] Ebd. S. 525. Siehe auch Lothar Gall, Bismarck. Der weiße Revolutionär, Frankfurt a. M. – Berlin – Wien 1980, S. 244–246 und Robert von Keudell, Fürst und Fürstin Bismarck. Erinnerungen aus den Jahren 1846 bis 1872, Berlin – Stuttgart 1901, S. 110.

[49] Vasallus ist von vassus (Diener) abgeleitet, einem spätlateinischen Lehnwort aus dem Keltischen.

[50] Vgl. Reinhard (wie Anm. 44) S. 15 und 18.

[51] Ernst Schulin, Die Französische Revolution, München 1988, S. 72. Siehe auch Reinhard (wie Anm. 44) S. 406.

[52] Vgl. Hausmann (wie Anm. 24) S. 1–7.

[53] Vgl. Carl Erdmann, Die Anfänge der staatlichen Propaganda im Investiturstreit, in: Historische Zeitschrift 154 (1936) S. 491–512 und Hans-Werner Goetz, Geschichte als Argument. Historische Beweisführung und Geschichtsbewusstsein in den Streitschriften des Investiturstreits, in: Historische Zeitschrift 245 (1987) S. 31–69.

[54] Goetz, Geschichte als Argument (wie Anm. 53) S. 58. Hierzu auch Althoff (wie Anm. 46) S. 3 und Jörg Calließ, Geschichte als Argument, in: Handbuch der Geschichtsdidaktik, hg. von Klaus Bergmann u. a., 5., überarb. Aufl., Seelze-Velber 1997, S. 72–76.

[55] Althoff (wie Anm. 46) S. 3.

[56] Vor allem in dem 1799 entstandenen Fragment „Die Christenheit oder Europa“. Vgl. Hausmann (wie Anm. 24) S. 6 f. Hierzu Norbert Brieskorn, Finsteres Mittelalter? Über das Lebensgefühl einer Epoche, Mainz 1991, S. 7–39.

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