Disziplin und Gruppenleitung im Klassenzimmer

Ein Blick auf die empirischen Studien Jacob Sebastian Kounins

von Maik Hager

Der neudeutsche Begriff Klassenmanagement (und seine Varianten Klassenleitung, Klassenführung oder auch das aus dem Englischen übernommene classroom-management) ist zu einem Zauberbegriff der Erziehungs- und Unterrichtswissenschaften geworden. Er ist in aller Munde und doch weiß kaum jemand, was genau damit gemeint ist.

Die Inhalte, die dem Begriff zugeordnet werden reichen von allgemeinen Ratschlägen für angehende Lehrerinnen und Lehrer bis hin zur Beschreibung administrativer Aufgaben des Klassenlehrers / Klassenleiters, Elternarbeit, Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen, Suchtprävention: das Spektrum ist also sehr weit gefasst und damit wird die Thematik unklar.

In den meisten Publikationen über das Problem der Klassenleitung fällt der Name Kounin. Er gilt mit seinen empirischen Studien, die erstmals 1970 unter dem Titel "Discipline and group management in classrooms" veröffentlicht wurden, im Allgemeinen als der "Vater" des Klassenmanagements. Im deutschsprachigen Raum wurden seine Beobachtungen durch die Übersetzung seiner Studien 1976 ("Techniken der Klassenführung") einem größeren Forschungskreis bekannt und gelangten danach auch in die Lehrerbildung. Nach nunmehr 30 Jahren ist ein Nachdruck der Kounin'schen Studien erschienen, der zu einer neuen Auseinandersetzung mit den seinerzeit gewonnenen Erkenntnissen auffordert. Der Herausgeber der Reihe "Standardwerke aus Psychologie und Pädagogik Reprints", in der die Studien nun neu erschienen sind, Detlef H. Rost bezeichnet Kounins Untersuchungen als "Musterbeispiel guter erfahrungswissenschaftlicher Unterrichtsforschung" [1]. Er geht sogar noch weiter und zählt sie "zu den weltweit wohl einflussreichsten pädagogischen Werken" [2].
 

Jacob (Jack) Sebastian Kounin (* 17.01.1912) studierte an der Iowa State University in Ames (Iowa). Dort promovierte er 1939. Nach seiner Armeezeit ging Kounin 1946 an das College of Education der Wayne State University in Detroit (Michigan), wo er 35 Jahre lang auf dem Gebiet der Erziehungs- und Unterrichtspsychologie tätig war. Dabei wurde er von seiner Frau Beatrice, einer Grundschullehrerin, unterstützt. Den Kern seiner Forschung bildeten die zwei o. g. Studien, die er über einen Zeitraum von fünf Jahren an Hochschulen, Oberschulen und Grundschulen durchführte. Die Ergebnisse präsentierte er, wie bereits erwähnt, erstmals 1970 der Forschungsöffentlichkeit.
Am 07. Oktober 1995 starb Kounin im Alter von 83 Jahren in Palm Beach (Florida). Noch heute vergibt die WSU den Jacob S. und Beatrice Kounin Preis für Forschung und hervorragende Leistungen [3].

Wie der nebenstehende kurze Lehrfilm aus dem Jahr 1947 zeigt, reicht die wissenschaftliche Erforschung von Disziplin- und Disziplinierungsproblemen in Schulklassen in den USA bis in diese Zeit zurück. [3a]

Disziplinprobleme - genau das war das Thema, mit dem sich Kounin als empirisch forschender Erziehungspsychologe beschäftigte. Nach eigenen Angaben wurden seine Forschungen auf diesem Gebiet durch einen "Zwischenfall" während einer seiner Vorlesungen angestoßen. Kounin schildert die Situation und seine Reaktion in Form einer "Maßregelung" eines Studenten zu Beginn seines Buches [4].

Die Maßregelung des einen Studenten hatte einen erstaunlichen Effekt auf die gesamte Lerngruppe. Obwohl sich Kounins Reaktion nur auf ein Individuum richtete, schüchterte sie die gesamte Lerngruppe so sehr ein, dass weitere Störungen unterblieben und sich die Studenten in ihre Notizblöcke "flüchteten".
 


"Classrom controll and learning efficiency
are products of good teaching.
Learning must be made meaningfull."


"For respect is a more desireable motor of behavior than fear."
 

Kounin bezeichnete die Wirkung, die seine Zurechtweisung auf den Rest der Lerngruppe hatte, als "Wellen-Effekt" (ripple effekt) und begann zusammen mit seinen Kollegen diesen Effekt zu erforschen. Die Leitfrage hierbei war: "Haben Zurechtweisungen eine Wellen-Effekt?" Im gesamten ersten Teil seines Buches beschäftigt sich Kounin mit verschiedenen Arten der Zurechtweisung und deren Auswirkungen auf das Lernverhalten von Schülern, die Schüler-Lehrer-Beziehung und die Schüler-Schüler-Beziehung. Kounin stellte fest, dass die Zurechtweisungen zu unterschiedlichen Reaktionen beim Rest der Lerngruppe führten. Die Wirkung der Zurechtweisungen war jedoch nicht voraussagbar, da sie von zu vielen Faktoren abhängig war. Zurechtweisungen wurden von im daher als Mittel zur Beseitigung von Disziplinproblemen im Klassenzimmer verworfen [5].

In einer zweiten Studie ging Kounin nun dazu über, Techniken erfolgreicher Klassenleitung und Unterrichtsgestaltung in der Praxis zu studieren. Diese Unterrichtsbeobachtungen wurden mit Hilfe von Videoaufzeichnungen durchgeführt und ausgewertet. Als Ergebnis dieser "Video-Rekorder-Studie" formulierte Kounin einige effektive Techniken der Klassenleitung, die einen erfolgreichen Unterricht ermöglichen [6]:

1. Allgegenwärtigkeit ("Augen auch im Hinterkopf") und Überlappung [7]

Allgegenwärtigkeit (withitness) definierte Kounin als "durch ein konkretes Verhalten erfolgende Mitteilung des Lehrers an die Schüler, er sei im Bild über ihr Tun".

Überlappung (overlapping) definierte Kounin als etwas, "was der Lehrer unternimmt, wenn er sich zur gleichen Zeit mit zweierlei Sachverhalten abgeben muss."

Das Studium der Videoaufzeichnungen und die Anwendung der entwickelten Bewertungskriterien für die genannten Techniken führten Kounin zu der Feststellung, dass Allgegenwärtigkeit und Überlappung in Verbindung mit dem Führungserfolg des Lehrers stehen. Dabei bedingten diese beiden Lehrstildimensionen einander, wobei der Allgegenwärtigkeit ein größeren Einfluss auf den Führungserfolg hatte. Diese sei jedoch nur durch eine "Ausdehnung der Reichweite des Sich-Kümmerns", also die Technik der Überlappung, erreichbar. Diese Ergebnisse führten Kounin zu der Empfehlung "an alle Lehrer", " sie mögen sich ein manifestes Überlappungsverhalten und demonstrative Allgegenwärtigkeit aneignen."

2. Als Reibungslosigkeit (smoothness) und Schwung (momentum) [8] bezeichnete Kounin Fähigkeiten des Lehrers, den Unterrichtsablauf bei Übungen und Übergangsstellen, heute würde man vielleicht Phasenübergänge sagen, zu steuern. Kounin fand heraus, dass beide Fähigkeiten "eine erhebliche Rolle bei der Klassenführung spielen." Das Hauptaugenmerk richtete sich dabei auf die Vermeidung von Sprunghaftigkeit, dem Gegenteil von Reibungslosigkeit, also die Vermeidung aller Lehrerverhaltensweisen, die den Ablauf der Unterrichtstätigkeit gefährden.

3. Als Gruppenmobilisierung und Rechenschaftsprinzip [9] bezeichnete Kounin die Fähigkeit des Lehrers, in Übungen den Gruppenfokus zu wahren. In diesem Abschnitt der Studie nennt Kounin allerdings auch einige "Merkmale positiver Gruppenmobilisierung", also Lehrerverhaltensweisen, die zu einem guten Unterricht führen können in Bezug auf einen Schülervortrag vor der ganzen Klasse, z. B.

  • Methoden, die vor dem Aufrufen eines Schülers "Spannung" erzeugen
    (Formulierungsbeispiel: "Nun wollen wir doch mal sehen, wer ..."),
  • Verfahren, die Schüler im Ungewissen darüber halten, wer als nächster aufgerufen wird (Aufrufen nach dem Zufallsprinzip),
  • Verfahren des wechselnden Aufrufens und Unisono-Antworten,
  • Verfahren, die nicht aufgerufenen Schülern signalisieren, auf die Antworten aufgerufener Schüler eingehen zu müssen,
  • Einbeziehung vernachlässigter, ungewöhnlicher Unterrichtsmedien: In Bezug auf das Fach Geschichte könnte hier z. B. auf den Einsatz von gegenständlichen Medien, Modellen oder Dioramen verwiesen werden.

4. Valenz (Aufforderungscharakter, den Objekte der Wahrnehmung besitzen) und intellektuelle Herausforderung durch Inhalt und Art des Unterrichts.

5. Abwechselung und Herausforderung bei der Stillarbeit.

Beschäftigt man sich intensiver mit Kounins Studien, könnte man kritisieren, dass seine Empfehlungen einzig den Lehrenden im Auge haben. Er soll alle Vorgänge kontrollieren, für spannenden, abwechslungsreichen und intellektuell herausfordernden Unterricht sorgen. Der Lehrende mutiert dadurch quasi zu einem übermenschlichen Lehr-und-Lerngott, dem es durch den "Besitz von Fertigkeiten zur Führung einer Gruppe" gelingt, "seine Lehrziele zu erreichen" [10]. "Führungskunst", die sich aus den o. g. Techniken zusammensetzt, wird dadurch zur zentralen Lehrerkompetenz.

Möglicherweise wird man mit dieser Kritik Kounin jedoch nicht gerecht. Sein Ziel war es, den Lehrenden seiner Führungssorgen durch die Beherrschung der Techniken zu entheben und dadurch eine positive Unterrichtsatmosphäre zu schaffen, in der er nicht mehr der ständig Strafende und hart Durchgreifende ist. Allgegenwärtigkeit dient z. B. nicht dazu jederzeit den richtigen Schüler bei auftreten eines Fehlverhaltens umgehend zu maßregeln, sondern dazu, Unterrichtsabläufe zu steuern und Arbeit zu organisieren.

In den USA ist die Beschäftigung mit und Anwendung von Techniken der Klassenführung meiner Ansicht nach viel weiter als in Deutschland. Bei meinen Recherchen habe ich viele konkrete Anwendungsbeispiele zur Umsetzung der Kounin'schen Techniken gefunden. Manche davon klingen simpel und einfach umsetzbar, einige erscheinen mir sehr schwierig umsetzbar oder sogar eine Überforderung des Lehrenden zu sein. Hier eine kleine Auswahl und meine persönlich Einschätzung dazu:
 

"Nehmen Sie immer alle Vorgänge im Klassenzimmer wahr."

Diese zeichnerische Darstellung ist natürlich eine absichtliche schamlose Übertreibung bzw. Fehlinterpretation dessen, was gemeint ist. Kein Mensch kann alle Vorgänge, die sich in einem Raum mit bis zu 36 Schülern (z. B. an einem Berliner Gymnasium) abspielen, überblicken. Der Lehrer soll durch bestimmte Verhaltensweisen den Schülern den Eindruck vermitteln, er wisse über alle Vorgänge Bescheid. Sich einfach hinter seinen Lehrertisch zurückzuziehen und "zu starren", ist sicherlich keine Verhaltensweise, die den Schülern Allgegenwärtigkeit suggeriert, sondern vielmehr Desinteresse, Aufgabe oder Verzweiflung.

Ein Durch-die-Reihen gehen, wie es z. B. auch der Kollege aus dem Videobeispiel praktiziert, wäre sicherlich sinnvoller.

"Stellen Sie eine Sitzordnung her, die es Ihnen ermöglicht, die Schüler im Blick zu halten."

Sitzordnungen sind ein heikles Thema. In meiner bisherigen Unterrichtspraxis habe ich so manchen Kampf mit Schülern und Kollegen um eine gute Sitzordnung geführt. Es gibt vom Standard (Seminarbestuhlung, E-Form) abweichende Sitzordnungsvorschläge, z. B. von Klippert, die ich für durchaus praktikabel halte, um zum einen Überblick und zum anderen Flexibilität im Klassenzimmer zu ermöglichen. Leider konnte ich diese Sitzordnungen nicht testen. Für überaus wichtig halte ich eine Sitzordnung, um Schüler schnell und gezielt ansprechen zu können und zur Diagnose von "Leistungszentren" und "Förderungszentren" in einer Klasse.

"Planen Sie Ihre Unterrichtsstunde im Voraus, so dass sie möglich Probleme und Schwierigkeiten vorausschauend berücksichtigen können."

Unterrichtsplanung ist das Kerngeschäft der Lehrtätigkeit. Wann mache ich was, mit wem, warum und wie? Im Rahmen des Referendariats sollte die Unterrichtsplanungskompetenz eigentlich ins Blut übergehen, so dass die dafür notwendigen Abläufe immer weiter rationalisiert werden können. Die Rationalisierung der Unterrichtsplanung wird in Zukunft immer notwendiger, um guten Unterricht auch bei größeren Klassen und steigender Unterrichtsbelastung durchführen zu können. Vielfach herrschen hier jedoch bei Auszubildenden und Ausbildern unterschiedliche Auffassung über Art und Umfang der Planung. Gute  Planungsrichtlinien und Leitbilder effizienter Unterrichtsplanung existieren in der Lehrerbildung zwar, die Orientierung daran ist jedoch für beide Seiten immer noch eine Herausforderung. Mit dem Abschluss der Ausbildung ist sicherlich kein endgültiger und für alle Zeiten anwendbarer Stand der Unterrichtsplanungskompetenz erreicht. Hier wird deutlich, dass eine dritte "Ausbildungsphase" für Lehrende (Lehrerfortbildung), die sich in der Schule auch immer neuen Planungs- und Unterrichtsvoraussetzungen gegenüber sehen, notwendig ist. Möglicherweise könnte man hier auch auf Fortbildungsprogramme aus den USA zurückgreifen, die, wie das von Evertson entwickelte COMP, auf Kounins Techniken rekurrieren.

zum Autor

Maik Hager (Jahrgang 1977) studierte an der TU Berlin die Fächer Geschichte und Philosophie (Lehramt) bei Prof. Dr. Schulz-Hageleit und Prof. Dr. Gil. In der wissenschaftlichen Hausarbeit zum Ersten Staatsexamen hat er sich mit dem Ackergesetz des Tiberius Gracchus beschäftigt. Im Rahmen der schriftlichen Prüfungsarbeit für das Zweite Staatsexamen hat er mit Schülern einer 9. Klasse eine Führung durch den Ausstellungsteil Erster Weltkrieg des DHM konzipiert.
Er ist Lehrer für die Fächer Geschichte, Sozialkunde, Politikwissenschaft, Ethik und Philosophie und unterrichtete u. a. an der Albert-Einstein-Gymnasium und an der Königin-Luise-Stiftung in Berlin. Inzwischen unterrichtet er Deutsch als Zweitsprache an einer Grundschule im Bezirk Lichtenberg. Außerdem ist er Herausgeber der Online-Magazine Geschichte-erforschen.de und Philosphie-erforschen.de.

Literaturempfehlungen:

Jacob S. Kounin,

Techniken der Klassenführung,

Münster, New York, München, Berlin 2006

(Standardwerke aus Psychologie und Pädagogik - Reprints, Bd. 3).


Jürgen Rüedi,

Disziplin in der Schule,

3. Auflage, Bern 2007.

Anmerkungen:

[1] Jacob S. Kounin: Techniken der Klassenführung, übers. v. Maja und Claudius Gellert, Münster, New York, München Berlin 2006, S. 4 (Standardwerke aus Psychologie und Pädagogik Reprints, hg. v. Detlef H Rost, Bd. 3).

[2] ebd.

[3] Die Recherchen zu Kounins Biographie und seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an der WSU gestalten sich sehr schwierig. Bisher ist mir keine (Kurz-)Biographie bekannt und auch im Internet finden sich nur wenige verwertbare Hinweise.

[3a] Abgesehen davon, dass dieser Lehrfilm wertvolle Tipps gibt, die auch heute noch Anwendung finden können, ist er ein historisches Dokument - sozusagen eine Filmquelle. Man achte auf die Aufgabe, die das Mädchen lösen darf (08:04 - 08:23) und die Aufgabe, die der Junge lösen darf (08:24 - 08:46).

[4] ebd., S. 17f.

[5] ebd., S. 82-84.

[6] ebd. (Vorwort des Herausgebers, 1976), S. 8.

[7] ebd., S. 89-92.

[8] ebd., S. 101-116.

[9] ebd. S. 117-130.

[10] ebd., S. 149.

Literaturhinweise und Weblinks:

Becker, Timo: Effiziente Klassenführung. Erhöhung des Lernerfolgs und Prävention von Unterrichtsstörungen durch systematische Klassenführung, Dortmund o. J.

COMP - Classroom Organisiation & Management Program (Dr. Carolyn M. Evertson) - Fortsetzung der Kounin'schen Studien.

Disziplin - Disziplin und Klassenführung in Theorie und Praxis (Dr. Jürgen Rüedi)

Keller, Gustav: Disziplinmanagement in der Schulklasse. Unterrichtsstörungen vorbeugen - Unterrichtsstörungen bewältigen, Bern 2010².

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