Aufgabensammlung: Das Deutsche Kaiserreich und der Erste Weltkrieg
(18. Januar 1871 - 09. November 1918)

Die vorliegende Aufgabensammlung richtet sich an Lehrerinnen und Lehrer sowie an Schülerinnen und Schüler allgemeinbildenden Schulen. Aus der Erfahrung heraus, dass manche Lehrwerke für das Fach Geschichte nicht konsequent die Vorgaben der EPA umsetzten und dass viele Aufgaben in diesen Lehrwerken die in der EPA erläuterten Operatoren (S. 6-8) nicht verwenden, wurde hier der Versuch unternommen, eine Aufgabensammlung zu erstellen, die konsequent auf diese zurückgreift.
Dadurch soll Lehrenden und Lernenden die Bearbeitung der Aufgaben im Unterricht und als Hausaufgabe erleichtert werden.
Die ein oder andere hier gestellte Aufgabe taucht in ähnlicher Form sicherlich auch in Lehrwerken für das Fach Geschichte auf. Für die hier angebotenen "Lösungen" wird jedoch keine Haftung übernommen. Auch wird hier nicht der Anspruch auf (fachwissenschaftliche) Vollständigkeit verfolgt.

Selber denken ist auch im Fach Geschichte immer noch die beste Lösung.

Maik Hager


Karte 1: Staaten im Deutsche Reich 1871, IGE-MAPS.

Aufgabe: Nenne die 25 deutschen Staaten, die sich 1871 zum Deutschen Reich zusammenschlossen (AFB1 I).

Antwort: Folgende 25 deutsche Staaten schlossen sich 1871 zum Deutschen Reich zusammen (siehe Art. 1 VDR2):

Nummer Staat
1 Preußen (mit Lauenburg)
2 Bayern
3 Sachsen
4 Württemberg
5 Baden
6 Hessen
7 Mecklenburg-Schwerin
8 Sachsen-Weimar
9 Mecklenburg-Strelitz
10 Oldenburg
11 Braunschweig
12 Sachsen-Meiningen
13 Sachsen-Altenburg
14 Sachsen-Koburg und Gotha
15 Anhalt
16 Schwarzburg-Rudelstadt
17 Schwarzburg-Sondershausen
18 Waldeck
19 Reuß ältere Linie
20 Reuß jüngere Linie
21 Schaumburg Lippe
22 Lippe
23 Lübeck
24 Bremen
25 Hamburg

Tabelle 1: Die Staaten des Deutschen Reiches von 1871-1918.

Aufgabe: Nennen die nicht-deutsche Regionen, die 1871 als Reichsland in das Deutsche Reich integriert wurden (AFB I).

Antwort: Die ursprünglich französischen Regionen Elsass und Lothringen wurden 1871 als Reichsland Elsass-Lothringen in das Deutsche Reich integriert.

Aufgabe: Erläutere das preußische Dreiklassenwahlrecht (AFB II).

Antwort: Während mit der Verabschiedung der Verfassung des Deutschen Reiches 1871 für den neu geschaffenen Staat ein gleiches Wahlrecht (für deutsche Männer ab dem 25. Lebensjahr) eingeführt wurde, galt im größten Bundesstaat (weiterhin) ein Zensuswahlrecht. Demnach wurden die preußischen Wähler gemäß ihres Steueraufkommens in drei Wählerklassen eingeteilt. Jede Wählerklasse wählte die gleiche Anzahl von Abgeordneten (jeweils 1/3). Die Wählerklassen umfassten jedoch nicht die gleiche Anzahl von Wählern. Während zur ersten Wählerklasse nur 4,7 %  und zur zweiten Wählerklasse nur 12,6 % aller Wahlberechtigten gehörten, umfasste die dritte Wählerklasse 82,7 % der Wahlberechtigten.

Diagramm 1: Prozentuale Verteilung der preußischen Wähler auf die drei Wählerklassen und Stimmengewichtung der Wählerklassen.
 

4,7 % 12,6 % 82,7%
I. II. III. Wählerklasse

wählen jeweils

33,3 %

33,3 % 33,3 %
  der Abgeordneten  

Demnach muss das preußische Dreiklassenwahlrecht als undemokratisch bezeichnet werden, was auch schon viele Zeitgenossen taten, da es den Wahlgrundsatz der Gleichheit nicht berücksichtigte.

Aufgabe: Begründe, warum das preußische Dreiklassenwahlrecht im Vergleich zum Wahlrecht für den Reichstag undemokratisch genannt werden kann.

Antwort: An den Wahlen zum Reichstag konnten alle deutschen Männer über 25 Jahren teilnehmen. Jede Wählerstimmer hatte das gleiche Gewicht, so dass der Wahlrechtsgrundsatz der Gleichheit erfüllt war.
Das Wahlrecht in Preußen erfüllte aufgrund seiner Wählerklasseneinteilung und der damit verbundenen unterschiedlichen Stimmengewichtung den Wahlrechtsgrundsatz der Gleichheit nicht, weshalb es als undemokratisch bezeichnet werden kann.

Literaturtipp: Eine knappe Zusammenfassung der Geschichte und der Bestimmungen des Preußischen Dreiklassenwahlrechts findet sich auf der Internetseite des Deutschen Historischen Museums (DHM).


Schaubild 1: Die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871, bpb.de.

Aufgabe: Fertige mit Hilfe der folgenden Tabelle ein Diagramm an. Erläutere die Diagrammart, die du gewählt hast und erkläre deine Vorgehensweise.

 

Tabelle 2: Lebenshaltungskosten einer fünfköpfigen Maurerfamilie in Berlin um 1900 (in % des Einkommens).³
Brot 44,2
tierische Produkte 14,9
pflanzliche Nahrungsmittel 11,5
Getränke 2,1
Kleidung und sonstiger Bedarf 6,1
Licht und Heizung 6,8
Miete 14,4
gesamt 100

Antwort: Die vorliegenden Zahlen können als Balkendiagramm, als Säulendiagramm oder als Kreisdiagramm dargestellt werden.

Das erste Beispiel zeigt eine einfaches, aber sehr anschauliches, Balkendiagramm. Die Gesamtbalkenlänge x in cm entspricht dabei den Gesamtlebenshaltungskosten (100%). Die einzelnen Zeilen der Tabelle werden als Teilflächen auf dem Balken eingezeichnet. Mit Hilfe farbiger Stifte und einem Lineal lässt sich dieses Diagramm sehr leicht anfertigen.

Diagramm 2: Lebenshaltungskosten einer fünfköpfigen Maurerfamilie in Berlin um 1900 (in % des Einkommens), Balkendiagramm.

 

Brot

 

tierische
 Produkte

pflanzliche
Produkte

G
e
t
r
ä
n
k
e

Kleidung
&
sonstiger
Bedarf

Licht
&
 Heizung

Miete

Das zweite Beispiel zeigt eine etwas aufwendigere Form des Balkendiagramms in einem Skalensystem mit Werteangaben und Legende. Es wurde mit Hilfe der Diagrammfunktion eines Tabellenkalkulationsprogramms erstellt. Eine zweidimensionale Variante lässt sich aber leicht mit Hilfe farbiger Stifte und einem Lineal anfertigen.

Diagramm 3: Lebenshaltungskosten einer fünfköpfigen Maurerfamilie in Berlin um 1900 (in % des Einkommens), dreidimensionales Balkendiagramm.

Das dritte Beispiel zeigt ein zweidimensionales Säulendiagramm in einem Skalensystem. Auch dieses Diagramm mit Wertangaben und Legende wurde mit Hilfe der Diagrammfunktion eines Tabellenkalkulationsprogramms erstellt, lässt sich jedoch auch recht einfach zeichnen.

Diagramm 4: Lebenshaltungskosten einer fünfköpfigen Maurerfamilie in Berlin um 1900 (in % des Einkommens), zweidimensionales Säulendiagramm.
 

Sowohl beim Balkendiagramm (Diagramm 3) als auch Säulendiagramm (Diagramm 4) geht die Prozentskala nur bis 50%. Hier sollte man sich immer nach dem tabellarischen Maximalwert richten. Eine Weiterführung der Skala bis auf 100% ist nicht sinnvoll, da die graphische Darstellung dadurch nur unnötig vergrößert wird.

Das vierte Beispiel zeigt ein Kreisdiagramm mit Wertangaben und Legende. Mit Hilfe eines Zirkels, eines Geodreiecks (Winkelmesser) und farbiger Stifte lässt sich dieses Diagramm leicht erstellen. Ist kein Zirkel zur Hand, kann man sich auch mit einer anderen Kreisvorlage (Glas, Untertasse, Blumentopf) behelfen.
Die Umrechnung der tabellarischen Werte in Winkelgrade ist recht einfach und kann mit Hilfe eines Dreisatzes vereinfacht werden:

100% = 360°

44,2% = x°

x = 44,2% * 360°/100% oder 44,2% * 3,6 °/%

x = 159,12°. Das Winkelmaß für Brot ist 159,12°.

Durch die Multiplikation mit 3,6 lassen sich alle Werte schnell umrechnen im Kreis abtragen.

Diagramm 5: Lebenshaltungskosten einer fünfköpfigen Maurerfamilie in Berlin um 1900 (in % des Einkommens), Kreisdiagramm.

Das letzte Beispiel zeigt eine Spezialform des Kreisdiagramms: dass sogenannte Tortendiagramm. Es ist ebenfalls mit Wertangaben und einer Legende versehen. Wie bei einer Torte sind die Teile des Diagramms etwas auseinandergerückt. Zeichnerisch ist dieses Diagramm nur sehr schwer zu erstellen. Daher empfiehlt es sich für die hier gewählte dreidimensionale Darstellung auf ein Computerprogramm zurückzugreifen. Alternativ kann auch das Kreisdiagramm (Diagramm 5) in ein zweidimensionales Tortendiagramm umgewandelt werden. Durch das Zerlegen des Kreises in seine Eintelteile kann ein ähnlicher Effekt wie beim Tortendiagramm erzeugt werden.

Diagramm 6: Lebenshaltungskosten einer fünfköpfigen Maurerfamilie in Berlin um 1900 (in % des Einkommens), Tortendiagramm.

Softwaretipp: Mit Hilfe des in der Bürosoftware OpenOffice (Freeware) enthaltenen Allzweck-Tabellenkalkulationsprogramms Calc lassen sich tabellarische Werte leicht in beliebige Diagrammformen verwandeln.

Aufgabe: Analysiere das Diagramm 6 "Lebenshaltungskosten einer fünfköpfigen Maurerfamilie in Berlin um 1900".

Antwort: Im Diagramm 6 (Tortendiagramm) werden die Lebenshaltungskosten einer fünfköpfigen Maurerfamilie in Berlin um 1900 graphisch dargestellt. Es werden die prozentualen Kosten nach den Kategorien Brot, tierische Produkte, pflanzliche Produkte, Getränke, Kleidung und sonstiger Bedarf, Licht und Heizung und Miete aufgeschlüsselt.
Den mit Abstand größten Posten bilden die Ausgaben für Brot (44,2% des [Gesamt-]Einkommens der Maurerfamilie) gefolgt von den Ausgaben für tierische Produkte (14,9 % d. E.) und den Ausgaben für die [Kalt-]Miete (14,4 % d. E.). Danach folgen die Kosten für pflanzliche Nahrungsmittel (11,5 % d. E.), Licht und Heizung (6,8 % d. E.) und Kleidung und sonstiger Bedarf (6,1 % d. E.). Den kleinsten Posten bilden die Ausgaben für Getränke (2,1 % d. E.).
Den Großteil ihres Einkommens gab die Familie demnach für Lebensmittel, unter die hier Brot, tierische Produkte, pflanzliche Nahrungsmittel und Getränke fallen, aus. Hierfür können zwei Gründe genannt werden. Zum einen musste die Versorgung einer Familie mit drei Kindern gesichert werden. Auch wenn es sich im angeführten Beispiel nicht um eine Großfamilie handelt (in der Regel hatten Handwerker und Arbeiter mehr als 3 Kinder), erforderte die Versorgung vermutlich große Mengen an Lebensmitteln. Zum anderen stiegen die Lebensmittelpreise zwischen 1900 und 1913 trotz der zunehmenden technischen Rationalisierung der Landwirtschaft und steigender Getreideernten um ein Drittel an. Verantwortlich hierfür war die sog. Schutzzollpolitik, durch die die Einfuhr preiswerter landwirtschaftlicher Produkte als Rohstoffe für Lebensmittel verhindert und der Absatz heimischer Produkte gesichert werden sollte.
Von der Schutzzollpolitik profitierten zwar die einheimischen Produzenten, diese gaben ihre Gewinne jedoch nicht durch Preissenkungen an die Verbraucher weiter, sondern diktierten die Warenpreise nach Belieben. Die Verbraucher mussten die überteuerten Preise zahlen, was vor allem die Haushalte der Geringverdiener (Arbeiter, Handwerker) stark belastete.

Literaturipp: s. v. Alltagsleben (1871-1914), in: LeMO, DHM, Berlin und s. v. Schutzzollpolitik (1871-1914), in LeMO, DHM, Berlin.

Aufgabe: Bewerte folgende Aussage Kaiser Wilhelms II. vom 06.08.1914: "Mitten im Frieden überfällt uns der Feind."

Antwort: Die Aussage ist ein Zitat dem Aufruf Wilhelms II. "An das deutsche Volk". Der Aufruf wurde erstmals am 06.08.1914 in einer Sonderausgabe des "Deutschen Reichs-Anzeigers und Königlich Preußischer Staatsanzeiger" veröffentlicht. Der Aufruf wurde am folgenden Tag ebenfalls in anderen Zeitungen abgedruckt (z. B. Neuen Preußischen Zeitung/Kreuz Zeitung) und später vom Kaiser persönlich vertont. Er steht im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Weltkriegs am 01.08.1914.
Die Behauptungen, dass das Deutsche Reich überfallen worden sei und dass bis dahin Frieden geherrscht habe, sind dreiste Lügen. Breits die Zeit vor der sog. Julikrise 1914, die in den Weltkrieg mündete, war eine Zeit der Krisen und außenpolitischen Spannungen zwischen der Entente und den Mittelmächten (z. B. Balkankrise 1908, Marokkokrise 1911, Rüstungswettlauf). Durch die systematische Militarisierung der deutschen Gesellschaft standen die Zeichen auch innenpolitisch auf Krieg. Von einer Friedenszeit kann also nicht die Rede sein.
Die bereits genannte Julikrise 1914 mündete in die deutsche Kriegserklärung an Russland und die Generalmobilmachung der der deutschen Truppen am 01.08.1914. Bereits am Folgetag besetzten deutsche Truppen ohne Kriegserklärung Luxemburg. Um den, nach der Kriegserklärung an Frankreich am 03.08.1014, drohenden Zweifrontenkrieg zu verhindern, marschierten die deutschen Truppen am selben Tag völkerrechtswidrig in das neutrale Belgien ein und besetzten das Land. Die Stoßrichtung der deutschen Truppen blieb jedoch gemäß des Schlieffen-Plans die rasche Einnahme von Paris und die Ausschaltung des Gegners im Westen.
Von einem Überfall auf das Deutsche Reich konnte also keine Rede sein. Vielmehr muss das Kaiserreich als Aggressor angesehen werden, das letztendlich, auch gegen das Völkerrecht verstoßend, die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trug.

Literaturtipp: Vorwerk, Georg, Sprachunterricht für einen Kaiser. Die Probeaufnahmen zum Aufruf Kaiser Wilhelms II. an das deutsche Volk zu Beginn des Ersten Weltkrieges (DRA-Reihe Dokument des Monats, November 2006).
Die Rede wurde nachträglich am 10. Januar 1918 vom Kaiser Wilhelm II. vertont und kann über die Internetseite des Deutschen Historischen Museums als Audiodatei und Textdatei abgerufen werden. Eine Sammlung von Reden des Kaisers hat Ernst Johann herausgegeben(Reden des Kaisers. Ansprachen, Predigten und Trinksprüche Wilhelms II., München 1977²) .

 


[1] Anforderungsbereich

[2] Verfassung des Deutsche Reiches vom 16. April 1871 (DHM)

[3] Zahlenmaterial entnommen aus: Bartelt, Anja u. a. Zeitreise 3 (Schülerarbeitsheft). Das lange 19. Jahrhundert, Leipzig 2006, S. 15.

 

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