Achim Wohlgethan,

Operation Kundus.
Mein zweiter Einsatz in Afghanistan,

Econ-Verlag, Berlin 2009.

Als Achim Wohlgethan im November 2003 zu seinem 2. Einsatz nach Kundus aufbrach, kannte diesen Ort kaum ein Mensch in Deutschland. Heute ist er durch aktuelle Ereignisse allgegenwärtig. Der Zeitpunkt des Erscheinens des Buches konnte kaum günstiger sein.

Wer sich ein etwas anschaulicheres Bild über das Leben der deutschen Soldaten und ihren Einsatz am fernen Hindukusch machen möchte, sollte diesen Insider-Bericht lesen. Wie schon in seinem ersten Buch „Endstation Kabul“ beschreibt Achim Wohlgethan den Alltag eines Berufssoldaten in einem fremden, auf uns archaisch wirkenden Landes, dessen Kulturkreis uns ferner nicht sein könnte. Schonungslos, teilweise schockierend, immer wieder faszinierend und vor allem sehr glaubwürdig.

2003 fliegt Achim Wohlgethan zum zweiten Mal nach Afghanistan. Dieses Mal hat er zusammen mit einem Spezialkommando die Aufgabe, den bis zu dem Zeitpunkt noch kleinen und eher unscheinbaren Stützpunkt Kundus für nachfolgende Einheiten zu erkunden und zu sichern. Der Abzug der Amerikaner, die Kundus bis zu dem Zeitpunkt befehligen, steht unmittelbar bevor und die Deutschen sollen nun vor Ort agieren. In einem minenverseuchten Gebiet mit unbekannten Orten und unaufgeklärtem Hinterland steht den Soldaten eine nicht ungefährliche Aufgabe bevor, die neben größten körperlichen Belastungen auch viele Unwägbarkeiten für das eigene Leben und die Gesundheit beinhaltet. Umso erschreckender zeichnet sich das Bild der Unzulänglichkeiten, mit denen sich die Soldaten Dank deutscher Bürokratie und Ignoranz gepaart mit Unkenntnis der dortigen Verhältnisse auseinander setzen müssen. Wenn deutsche Soldaten mit Sommerbekleidung in den afghanischen Winter geschickt werden, fällt das Verständnis dafür eher gering aus. Wenn sie mit unzureichender Munition und gemieteten Fahrzeugen in desaströsen Zuständen eine mienenverseuchte, menschenfeindliche Gegend erkunden sollen und taugliche Fahrzeuge aufgrund fehlender gültiger deutscher Abgasplaketten nicht zum Einsatz kommen können, fragt man sich als Leser, ob Entscheidungen in der obersten Befehlsebene noch mit klarem Verstand getroffen werden.

Dass die deutschen Soldaten bei den Entgleisungen der deutschen Bürokratie überhaupt den Mut haben, sich der Gefahr auszusetzen, die durch selbige unnötig erhöht wird, ist erstaunlich und bewundernswert. Achim Wohlgethan beschreibt genauso offen, wie durch die Unterlassungen einer tauglichen Führungsebene sich unter den Kameraden Reibereien ergeben, die manchen guten Soldaten zu einem Wandel um 180 Grad veranlassen. Die Kontakte mit vor Ort agierenden Hilfsorganisationen erweisen sich als schwierig. Doch begegnet man in seinem Bericht auch erstaunlichen Menschen mit einer unglaublichen Opfer- und Hilfsbereitschaft. Die Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung sind spärlich, teilweise schwierig und in einem Fall erschreckend.

Nach der Heimkehr sieht es nicht besser aus. Wieder fällt Achim Wohlgethan wie viele seiner Kameraden in ein tiefes Loch. Zum Glück bekommt er Hilfe in einem Krankenhaus, aber seine Beziehung zerbricht. Der Bericht seiner Freundin aus der Perspektive einer „Soldatenfrau“ gibt ein anschauliches Bild darüber, wie sehr auch die Heimgebliebenen unter so einem Einsatz leiden und ebenfalls allein gelassen werden. Heute, im Jahre 2010, setzt zunehmend ein Wandel ein. In vieler Hinsicht. Er war und ist auch bitter nötig.

Das Buch ist wie sein Vorgänger spannend geschrieben, leicht verständlich und sehr menschlich. Es wäre sehr wünschenswert, wenn auch die Führungsebene zu der Lektüre griffe, denn es steht zu vermuten, dass noch viel mehr für die Sicherheit der Soldaten und Soldatinnen getan werden sollte als bisher geschehen.

Achim Wohlgethan hat sicher mit seinem mutigen Buch seinen Teil dazu beigetragen, dass die Öffentlichkeit ein besseres Bild von einem rauen, atemberaubend schönen und schützenswerten Land mit liebenswerten Menschen bekommt. Denn nicht alle Afghanen sind Taliban, sondern tapfere Menschen, die auch einfach mal nur in Ruhe und Frieden leben möchten.

Birgitt Thomas

Links:

Internetseite des Econ Verlags

Operation Kundus - die Internetseite zum Buch

Informationen der Bundeswehr zum ISAF-Einsatz

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