Peter Scholl-Latour,

Koloss auf tönernen Füssen.
Amerikas Spagat zwischen Nordkorea und Irak,

Ullstein Verlag, Berlin 2006

Der 11. September 2001 (kurz “Nine-Eleven“ genannt) veränderte die Welt, vor allem natürlich das sich stets für unverwundbar haltende Amerika. Diese Nation ist laut Scholl-Latour von einer tiefwurzelnden christlichen Gläubigkeit geprägt und hat sich mitsamt seinem Präsidenten George W. Bush einer protestantischen Erweckungsbewegung verschrieben, die nicht unterschätzt werden sollte. Der Missionsdrang der USA, alle Welt mit den „beglückenden Segnungen“ des „American way of life“ und der zweifelhaften Gabe der feien Marktwirtschaft und Demokratie zu überziehen, nimmt immer extremere Formen an. Es stellt sich die Frage: hat Amerika aus der Vergangenheit gelernt, dass es die heutigen „asymmetrischen Kriege“ auch durch größte Materialschlachten nicht gewinnen kann oder verliert es seine Weltvormachtstellung?

Nach 9/11 hatte Bush die „Achse des Bösen“ ausgerufen, auf der auch das wenig bis gar nicht durchschaubare Land Nordkorea zu finden ist. Scholl-Latour unternahm 2004 eine zweiwöchige Reise nach Nordkorea. Er bereiste das Land von Kim II Sung und seinem Nachfolger und Sohn Kim Jong II zum ersten Mal und durfte sich innerhalb einer festgelegten Reiseroute relativ frei bewegen. Der Reisebericht durch das heutige Nordkorea mutet fremd und verwirrend an: auf der einen Seite Beschaulichkeit, Freundlichkeit, keine wirkliche Armut erkennbar, auf der anderen Seite ein nach 1953 eingefrorenes und gegenüber der übrigen Welt abgeschottetes Land. Glaubt man den westlichen Medien, müsste überall große Armut vorherrschen und auch sichtbar sein. Nicht viel kann Scholl-Latour aus dem Land erlesen. Allgegenwärtig und offenkundig und vor allem sehr befremdlich mit nicht absehbaren Folgen für die Zukunft bleibt die straffe Unterweisung und Einstimmung bereits der Kinder auf die Ideologie des „großen Führers“ die seinem eigenen Kopf entsprungen und für Menschen außerhalb des Landes nicht nachvollziehbar ist.

Sehr schnell und wesentlich intensiver kommt Scholl-Latour auf den Korea-Krieg im Jahre 1950 bis 1953 zu sprechen, an dem er über eine kurze Distanz als junger Journalist auf Seiten Südkoreas teilnahm. Der „vergessene Krieg“, wie der Autor ihn nennt, lässt Amerika zum ersten Mal erkennen, dass ein Krieg auf asiatischem Boden nicht zu gewinnen ist. Die geschichtlichen Hintergründe werden mit größer Überzeugungskraft und Gründlichkeit auf spannendste Weise beschrieben.

Fast zeitgleich zum Koreakrieg findet der Indochina-Konflikt (Befreiung Indochinas aus dem Kolonialstatus von Frankreich unter Ho Tschi Minh) im heutigen Vietnam statt, an dem ebenfalls Amerika beteiligt ist. Gilt es doch zu verhindern, dass ein weiteres Land Asiens dem Kommunismus anheim fällt. Ho Tschi Minh findet starke Unterstützung – wie schon zuvor Nordkorea – aus der sich unter Mao Zedong gebildeten Volksrepublik China. Wieder muss Amerika erfahren: Die Kriegsführung in Asien und Europa ist nicht vergleichbar, aber der Lerneffekt der westlichen Länder geht gegen Null. Trotz gewaltigem Einsatz von Mensch und Material kann der Krieg nicht gewonnen werden.

Scholl-Latour besuchte das heutige unter kommunistischer Führung stehende wiedervereinte Vietnam und wendet sich wiederum sehr schnell den geschichtlichen Berichten aus den Jahren 1945 bis 1954 zu. In bedrückender Klarheit schildert er schonungslos die Fehler der „westlichen Regierungen“ bei beiden Kriegen. Immer wieder zieht der Autor Vergleiche vergangener „asymmetrischer Kriege“ zum Krieg im Irak und der heutigen Situation im mittleren Osten. Bedrückend und grandios erzählt!

Scholl-Latours Bericht zieht den Leser von der ersten Zeile an in seinen Bann, zumal der Autor sich einer klaren und verständlichen Sprache bedient. Bissig und schonungslos legt er die Unfähigkeit der Bush-Administration und aller Vorgänger bis hin zu europäischen Führungsgremien offen, die bis heute nicht gelernt haben, andere Kulturen und deren tiefverwurzelte Glaubensgrundlagen zu akzeptieren, zu erkennen oder gar zu verstehen. Wobei sich Arroganz mit Hochmut und Unwissenheit paaren. Das tiefgründige Wissen dieses Altmeisters, an vielen Kriegsschauplätzen der Welt in den letzten 60 Jahren anwesend gewesenen Journalisten, beeindruckt zutiefst und seine Gedankengänge bezüglich des Kommenden sind nachvollziehbar und erschreckend.

Auf den letzten Seiten des Buches zeigt Peter Scholl-Latour dem Leser seine Sicht auf den schiitischen Teil Iraks im Jahre 2006. Auch hier spart er nicht mit beißender Ironie Richtung Bush, lässt aber auch ein gerütteltes Maß an tiefschwarzem Humor aufblitzen.

Ein absolut lesenswertes Buch!

Birgitt Thomas

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Wikipedia-Artikel: Peter Scholl-Latour

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