|
Peter Scholl-Latour,
Zwischen den Fronten. Ullstein Verlag, Berlin 2008 |
|
|
„Zwischen den Fronten“ ist aus
meiner Sicht das bisher beeindruckendste Buch von Peter Scholl-Latour.
Eine globale Weltbetrachtung mit Stand 2007 von geschichtlicher Tiefe und
politischer Schärfe, die in besonderer Weise die schier unerschöpflichen
Kenntnisse des Autors widerspiegelt. Nach 1945 begann nach seinen Anschauungen der „Wind of change“, als sich England durch schrittweise kampflose Preisgabe fast sämtlicher kolonialer Besitzungen von einer Weltmacht auf eine Mittelmacht reduzierte. Im Gefolge räumten u. a. Holland, Portugal und Frankreich ihre Kolonialstaaten in Indochina nach teilweise unsäglichen Kämpfen und der Globus erhielt ein neues Gesicht. Seine weltumspannende Reise
beginnt Peter Scholl-Latour in der letzten verbleibenden Großmacht, den
USA. Er startet im Staat Texas, wo der zum Zeitpunkt des Erscheinens des
Buches noch amtierende Präsident George W. Bush in Crawford auf seiner
Ranch seine göttlichen Inspirationen erhielt, wie Amerika wieder zu Glanz
und Ruhm geführt werden könne. Bei den Betrachtungen der Zustände im Mittleren Osten sowie Afghanistan taucht Peter Scholl-Latour weit in die Geschichte bis hin zum „kleinsten gemeinsamen Nenner“ der Juden und Muslime, dem Gott-Freund Abraham, ein. Der jahrtausende alte Zwist um das Thema „Erstgeborener“ (Ismael = Muslime oder Isaak = Juden) beeinflusst die Politik dieser Länder noch heute mehr als manchem westlichen Politiker klar ist. Zusätzlich angeheizt wird die brisante Situation im Nahen Osten durch den jahrhunderte währenden Bruderkrieg zwischen Schiiten und Sunniten. Peter Scholl-Latour lässt es sich auch bei diesem Thema nicht nehmen, den an den Konflikten und Kriegen beteiligten Westmächten einen beißenden Verweis ob ihrer Ignoranz zu erteilen. Wer bisher die geschichtlichen Hintergründe hierzu nicht kennt bekommt einen intensiven Nachhilfekurs. Weit im Osten steigt eine lange von den westlichen Staaten unterschätzte Großmacht auf. China ist ein zu beispielloser Dynamik erwachtes Imperium, dass sich nach Jahrzehnten der Bürgerkriege in einem eigenen System stabilisiert hat, den „American way of life“ nur am Rande imitiert und sich langsam seiner Größe, Wurzeln und traditionellen Werte bewusst wird. Dem Autor ist es sehr klar und der westlichen Welt beginnt es zu dämmern, dass sich hier ein Land anschickt, eventuell den USA den Rang als amtierende Weltmacht abzulaufen. Mit einem Streifzug durch Afrika, wo sich die Spuren chinesischer Einflussnahme fast in jedem Land finden lassen, wird diese Sichtweise entscheidend untermauert. Über Russland zurück nach Europa beschließt Peter Scholl-Latour seine Weltreise. Die Hoffnung, dass die Errungenschaften der westlichen Welt auf humanitären und vielen anderen Gebieten nicht verloren gehen durch die geringe Weitsicht und teilweise Unwissenheit und Ignoranz amerikanischer und europäischer Politiker klingt bei seinen Ausführungen wie ein Appell immer wieder an. Dieses Buch besticht durch Tiefe, Informationsfülle und Klarheit der Sprache, denen wenige Zeilen nicht ansatzweise gerecht werden können. Jeder Geschichts- und Politiklehrer wäre gut beraten, dieses Buch in den Unterricht der höheren Abiturklassen einfließen zu lassen. Vielleicht würde dann Aussicht auf eine Generation politisch interessierter Menschen mit mehr Hintergrundwissen bestehen als wir es heute zum Teil erleben müssen. Birgitt Thomas
|
|
www.geschichte-erforschen.de - © 2009 -
Impressum -
![]()