Gian Enrico Rusconi und Hans Woller (Hg.),

Parallele Geschichte? Italien und Deutschland 1945 - 2000.
Duncker und Humblot, Berlin 2006
(Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient [HIST], Band 20).

 

Der vorliegende zwanzigste Band der Schriftenreihe des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient ist das Ergebnis der 45. Studienwoche, die vom 16. - 20. September 2002 in Trient stattfand. Bereits 2005 erschienen die Beiträge unter dem Titel Italia e Germania 1945 - 2000. La construzione dell'Europe bei il Mulino und sind nunmehr auch in deutscher Übersetzung verfügbar.

Nicht alle Beiträge des Sammelbandes sind in sich vergleichend angelegt - in der Gegenüberstellung einzelner Arbeiten lässt sich der komparatistische Ansatz jedoch wiederfinden. Einige Aufsätze beschäftigen sich mit speziellen Problemen der jeweiligen Nationalgeschichte, ohne dabei den europäischen oder globalen Kontext außer Acht zu lassen. Mag der gewählte Betrachtungszeitraum zunächst sehr kurz erscheinen, so ist zu bedenken, dass es sich für das Gebiet der zeitgeschichtlichen Forschung um ein weites Feld handelt. Den Themenschwerpunkt dieser Aufsatzsammlung bildet die politische Entwicklung der 1946 gegründeten Republik Italien auf der einen Seite und der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland auf der anderen Seite. Daneben finden sich aber auch Beiträge zur Kultur-, Wirtschafts- und Mentalitätsgeschichte beider Länder. Von besonderem Interesse erscheinen mir die Beiträge des Ersten Teils: Abrechnung mit der Vergangenheit und diejenigen des Fünften Teils: 1989 und die Folgen.

Norbert Frei, Professor für Neuere und Neuste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, gibt unter der Überschrift Die Auseinandersetzung mit den Nationalsozialismus in Deutschland 1945 - 2000 einen umfassenden und ausführlichen Überblick über das Thema im hauptsächlich bundesdeutschen Kontext von der Phase der Verdrängung in den 50er und 60er Jahre über die Aufarbeitung der 70er, die "Vergangenheitsbewältigung" der 80er und 90er bis zum momentanen Projekt der Vergangenheitsbewahrung. Frei zeigt auf, dass die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus, von den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten abgesehen, in Deutschland immer wieder neue Anstöße aus den unterschiedlichten Bereichen erhalten hat (Gerichtsverfahren, Presse, Film und Fernsehen, fachwissenschaftliche Kontroversen) und somit nie aus dem Gedächtnis Nachkriegsdeutschlands verschwinden konnte und durfte. Trotz intensiver und umfangreicher Forschungen zur Zeit des Nationalsozialismus hält Frei das Thema jedoch nicht für erledigt - im Gegenteil. Weder die geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der Jahre 1933 - 1945 noch die Auseinandersetzung mit der Art und Weise wie nachfolgende Generationen mit dem Thema umgehen, können als abgeschlossen betrachtet werden.

Demgegenüber fällt Lutz Klinkhammers Urteil über Die Ahndung von deutschen Kriegsverbrechen in Italien nach 1945 katastrophal aus. Klinkhammer, Referent am Deutschen Historischen Institut in Rom, stellt den Umgang der italienischen Militärjustizbehörden mit den deutschen Kriegsverbrechen in engen Zusammenhang mit der weitgehenden Nichtverfolgung faschistisch-italienischer Kriegsverbrecher. Er geht dabei der Frage nach, warum - trotz eindeutiger Sach- und Beweislage - die von deutschen Wehrmachtssoldaten und SS-Männern begangenen Verbrechen an der italienischen Zivilbevölkerung von italienischen Gerichten nicht geahndet wurden. Dies sei auf die Nachlässigkeit italienischer Ermittlungsbehörden, auf die allgemeinen Umstände der Auslieferungsformalitäten der Alliierten und nicht zuletzt auf die Haltung der italienischen Regierung zurückzuführen. Die Verfolgung deutscher Kriegsverbrecher hätte andere europäische Staaten dazu bewogen, ebenfalls die gerichtliche Bestrafung italienischer Kriegsverbrecher zu fordern. "Viele Repräsentanten des [italienischen] Staates versuchten, die Verurteilung von Italienern, die als Kriegsverbrecher beschuldigt waren, zu vermeiden." (S. 97, Anmerk. in [ ] Hager). Die Rehabilitierungsbemühungen Italiens gegenüber den Westalliierten und späterhin gegenüber dem NATO-Bündnispartner BRD hätten eine effektive Verfolgung der Kriegsverbrecher verhindert und zu einer Verdrängung der italienischen Kriegsvergangenheit vor 1943 geführt.

Noch viel verheerender in Bezug auf die historische und geschichtliche Aufarbeitung des Faschismus in Italien fällt Filippo Focardis Beitrag Die Unsitte des Vergleichs. Die Rezeption von Faschismus und Nationalsozialismus in Italien und die Schwierigkeit, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen aus. Focardi, Dozent am Institut für historische und politische Studien an der Universität Padua, stellt einleitend fest, "dass in Italien bis heute keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen faschistischen Vergangenheit stattgefunden hat und auch die Anstrengungen auf deutscher Seite, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit 'abzurechnen' nicht gewürdigt worden." (S. 108).
Als Hauptursache der Verdrängung der eigenen faschistischen Vergangenheit benennt Focardi Benedetto Croces These vom "Faschismus als Parenthese" und die Gegenüberstellung der italienischen Kultur (Stichworte Römische Republik und Imperium, Humanismus und Renaissance sowie liberales Risorgimento) und deutscher "Un-Kultur" (Stichworte Rassenideologie, Obrigkeitshörigkeit, Heidentum, Antisemitismus). Der Vergleich der beiden Diktaturen auf Grundlage der Theorie Croces habe insgesamt zu einer Verharmlosung des italienischen Faschismus geführt und bis heute eine "ernsthafte Aufarbeitung ... verhindert" (S. 133). Die italienische Rechte versuche sogar, so Focardis abschließende Feststellung, aktiv in dieser Hinsicht auf das "Kollektivgedächtnis" der Italiener Einfluss zu nehmen, indem man die Namen faschistischer Größen in Form von Straßenumbenennungen wieder auf die Landkarten bringt und auch vor Geschichtsverfälschungen im schulischen Bereich nicht zurückschreckt.

Ohne weiter ins Detail gehen zu wollen, möchte ich an dieser Stelle noch die Beiträge von Klaus-Dietmar Henke, Die Revolution in Deutschland, und Joachim Scholtyseck, Die Außenpolitik der DDR in den Jahren der Agonie 1989/1990, herausheben.
Henke zeichnet den Niedergang der DDR, der wirtschaftlich und politisch zu Beginn der 80er Jahre anzusetzen ist, unter Berücksichtigung innen und außenpolitischer Faktoren (Bürgerbewegung und politische Veränderungen in der UdSSR) nach, wobei er der Bürgerbewegung und den Massenprotesten den ihnen angemessenen historischen Platz einräumt. Dabei ist meiner Meinung nach der Begriff "Revolution" für die wissenschaftliche Auseinendersetzung überaus interessant.
Wie diese revolutionäre Energie des Willens zur Umgestaltung der DDR von einer stalinistischen Diktatur zu einer rechtstaatlichen und freiheitlichen Demokratie jedoch im Vereinigungsprozess der beiden deutschen Staaten quasi verpuffte und die DDR als eigenständiger Staat bereits kurz nach der Maueröffnung aufhörte zu existieren, zeigt Scholtysecks Analyse in dramatischer Weise.

Die hier versammelten Studien renommierter Fachleute geben einen guten Überblick über den Stand zeitgeschichtlicher Forschungen im Verhältnis der beiden europäischen Staaten zueinander. Doch auch die jeweils behandelten Einzelprobleme der beiden Nationen sind umfassend und kenntnisreich behandelt. Fachlich ist hier nichts zu beanstnden. Schließlich verwundert nur noch der Preis des Sammelbandes. Während die italienische Ausgabe bei il Mulino mit 32,- € preiswert angeboten wird, schlägt die deutschsprachige Ausgabe von Dunker & Humblot mit 118,- € zu Buche, was deutlich zu teuer ist.

Links:

- Internetseite des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts (ITC-isig), Trient

- Internetseite des Verlags Dunker & Humblot

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