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Hanns-Fred Rathenow (Hg.), Essays nach Auschwitz Centaurus Verlag,
Herbholzheim 2007 |
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Verlag die Einladung zur Rezension der "Essays nach Auschwitz" erhielt,
war ich erfreut und verunsichert zugleich. Erfreut, da ich die Gelegenheit
bekam, die hervorragende Arbeit zweier engagierter
Professoren und ihrer ebenso engagierten Studierenden würdigen zu dürfen.
Es kommt nicht oft vor, dass Studierende die Gelegenheit erhalten, ihre
Seminararbeiten zu veröffentlichen - schon gar nicht im Rahmen einer
Festschrift. Das Beispiel sollte Schule machen und vielleicht auch im
virtuellen Raum fortgesetzt werden. Verunsichert war ich in Bezug auf meine Rolle als kritischer Leser. Kann man Essays - zumal zu solch einem ernsten Thema - überhaupt rezensieren? Eine geschichtswissenschaftliche Auseinendersetzung bei der es um die Sachkenntnis des Autors, die Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands, die Beherrschung des wissenschaftlichen Handwerkszeugs u. Ä. geht, kommt hier nicht in Betracht, zumal die Sachkenntnis und die handwerklichen Fähigkeiten der Autoren außer Frage stehen. Doch diese Beiträge verdienen eine Erwiderung, fordern stellenweise sogar dazu auf. Die hier vorliegenden Essays, die das Ergebnis eines Exkursionsseminars, das im Sommersemester 2005 an der TU Berlin stattfand, sind (ein Essay ist älteren Datums), spiegeln die an mancher Stelle sehr emotionsgeladene Auseinandersetzung der Studierenden mit dem Thema Shoa bzw. Holocaust wieder. Dementsprechend muss der Rezensent, der es gewohnt ist, Emotionen aus der wissenschaftlichen Auseinendersetzung herauszuhalten, Rücksicht nehmen. Die Studierenden beschäftigen sich u. a. mit der Frage, ob Auschwitz heute noch möglich wäre, ob und was wir aus der Geschichte gelernt haben. Mit der Frage, ob man den Deutschen trauen kann, wie man sich damals als Deutscher selbst verhalten hätte oder was man als KZ-Häftling selbst erlebt hätte. Sie thematisieren Einzelschicksale teils aus dem eigenen familiären Hintergrund heraus und betrachten die heutige Erinnerungskultur kritisch. Die jungen Studierenden, die hier schreiben sind voller Tatendrang und Aufklärerwillen. Sie halten sich selbst und ihren Lesern den Spiegel vor und provozieren durch ihren "ethischen Rigorismus" Widerspruch. Manchmal gehen sie mit ihren Bewertungen zu weit und manchmal nicht weit genug. Manchmal geht die Aussage im Bemühen um politische Korrektheit auch unter. Widersprechen möchte ich z. B. Georg Rübsamen, wenn ich lese: "Ja, man sollte mit Schülern nach Auschwitz fahren, allerdings weniger um Emotionen zu erwarten oder gar zu fordern, sondern um den Schülern die Möglichkeit zu geben, dem Holocaust einen Ort zu geben." Rübsamen weiß natürlich, dass man nicht mit jeder 10. Klasse nach Auschwitz fahren kann und dass es hier auf die didaktische Analyse der Lerngruppe ankommt. Mir ist es auch bewusst, dass Konzentrationslager im NS-Vernichtungssystem die entscheidende Rolle spielten. Warum braucht aber der Holocaust einen bestimmten Ort? Verfolgung, Deportation und Vernichtung konnten jeden Systemfeind überall treffen und jeder konnte davon wissen. Ich verweise hier auf die Aktion Stolpersteine, die die Orte der Vernichtung vor unsere Haustüren trägt. Die Vernichtung ist überall anzutreffen. Widersprechen möchte ich auch Axel Eichberg, wenn er schreibt: "Inzwischen bin ich aber zu der Überzeugung gelangt, dass sich eine Erziehung nach Auschwitz in Deutschland hauptsächlich mit den Täterinnen und Tätern befassen muss." Die Erziehung nach Auschwitz muss die Täter entlarven, sie, ihre Beweggründe und Taten beim Namen nennen - das ist richtig. Die Namen der Opfer dürfen aber nicht vergessen werden und vor allem dürfen die Täter von uns kein Verständnis erwarten. Niemals! Und die "Ursachenforschung" muss nicht zwangsläufig bis ins deutsche Mittelalter zurückführen. Die Ursachen findet man meist viel zeitnäher. Die Essays sind Arbeitstexte. Sie fordern zum Nachdenken auf und es wäre auch für den Rezensenten eine nicht nur fachliche Herausforderung seine Gedanken zu diesem Thema in dieser Form niederzuschreiben. Die Studierenden verdienen unseren Respekt, auch weil sie uns zeigen, dass wir mit dem Thema noch nicht durch sind, es nie sein werden. Wenn sie, als angehende Lehrer und Lehrerinnen, auch manchen wichtigen Punkt nicht reflektiert haben, z. B. wie der Holocaust ausländischen Schülern und Schülerinnen vermittelt werden kann, (Ich denke da in der Berliner Situation vor allem an arabischstämmige Jugendliche oder in der Brandenburger Situation an Jugendliche mit rechtsextremem Hintergrund) so ist ihr Diskussionsbeitrag dennoch mehr als lesenswert. Maik Hager Links |
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