Rezension:

Mittelalter,
hg. v. Matthias Meinhardt, Andreas Ranft und Stephan Selzer, München 2007 (Oldenbourg Geschichte Lehrbuch).

 


Der Titel lässt keinen Zweifel, ohne Schnörkel, das Thema steht fest. Naja, der Einband hätte etwas mehr Farbe verdient. Eine mittelalterliche Buchmalerei hätte es schon sein dürfen. Ach was Schnickschak, das ist schließlich kein Comic, sondern ein Lehrbuch. Steht ja auch drauf.
Trotzdem fällt mein Blick sofort auf die junge zarte Frau, die ihre Augen himmelwärts gerichtet hat und so mache ich doch gleich einen Informationsbelastungstest: Ich will herausfinden wer sie ist. Seite 4 verrät darüber nichts Genaues. Na toll, denke ich bei mir, schöne Bilder, aber wieder einmal nur als nettes Beiwerk ohne Erläuterungen.

Glücklicherweise werde ich eines Besseren belehrt und erfahre auf Seite 9 mehr als ich mir erhofft hatte. Das stachelt mich an und ich will sehen, ob ich nicht mehr erfahren kann als hier steht - siehe da: www.bildindex.de und Auferstehungsaltar des Meisters von Liesborn. Je weiter ich lese, ja mehr ich hin und her blättere, umso begeisterter bin ich. Besonders die ausführlichen Erläuterungen der - leider durchgehend in schwarzweiß gehaltenen - Abbildungen des Lehrbuchs überzeugen mich auch von der handwerklichen Qualität des Werkes.

Die Herausgeber haben Wort gehalten und präsentieren mit dem Band Mittelalter, der die vierbändige Reihe Oldenburg Geschichte Lehrbuch (OGL) komplettiert, eine überzeugende Studieneinführung. Die vier Abschnitte des über 450 Seiten starken Wälzers geben einen umfassenden Einblick in die Ereignis-, Verfassungs- und Sozialgeschichte des europäischen Mittelalters (Eckdaten 500 - 1500) mit Schwerpunkt Mitteleuropa und bieten darüber hinaus detaillierte Informationen über historische Hilfswissenschaften sowie die Landschaft der deutschen Mittelalterforschung. Auf Quellentexte muss der Leser leider verzichten, dafür bieten jedoch die zahlreichen im Studien- und Prüfungsbetrieb meist vernachlässigten Bildquellen eine gute Gelegenheit einmal andere Wege einzuschlagen. Ergänzt wird das dennoch umfangreiche Textmaterial durch Statistiken und Karten.

Besondere Aufmerksamkeit bei der Lektüre habe ich auf die praktischen Hinweise zur Studien- und Forschungsarbeit in Teil 3 und 4 verwendet. Studienanfänger können meiner Meinung nach nicht früh genug in die praktische Arbeit eines forschenden Historikers eingeführt werden - ja, auch wenn sie nur LehrerInnen werden wollen! Möglicherweise sollten Studierende im Grundstudium ein obligatorisches Praktikum in einem Archiv, einer universitären oder außeruniversitären Forschungseinrichtung oder einem historischen Verein absolvieren (dafür könnte dann aber auch die ein oder andere staubtrockene obligatorische Vorlesung ersatzlos aus dem Studienplan gestrichen werden). Doch wer soll das organisieren und bezahlen?
Auf jeden Fall bietet das Lehrbuch Mittelalter umfangreiche und vertiefende Informationen für die Suche nach solchen Institutionen und macht Lust auf mehr.

Schließlich noch ein genauer Blick auf den Abschnitt III. Neue Medien - wunderbar, genau mein Ding.
Da frage ich mich doch zuerst, warum das OGL nicht in CD-ROM/DVD-Version vorliegt. Vielleicht wären dann auch farbige Abbildungen und die ein oder andere Textquelle innerhalb eines pdf-Dokumentes möglich gewesen. Ist die Produktion eines digitalen Mediums wirklich soviel teurer als der Druck? Die Texte liegen doch sowieso in digitaler Form vor, der Vertrieb erfolgt inzwischen auch hauptsächlich via Internet - wie sonst wäre ich an das Buch gekommen - und Zugang zu einem Computer hat doch nun wirklich jeder Studierende. Patrick Sahle zählt in seinem Artikel zahlreiche Möglichkeiten digitaler Informationsbeschaffung für den Bereich Mittelalter und darüber hinaus auf. Auch erklärt er in umständlicher Weise die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Forschungsbetrieb. Dabei unterlässt Sahle es jedoch, die Studierenden zu ermutigen, ihre eigenen Texte über die digitalen Wege einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und sich der öffentlichen Kritik zu stellen. Nicht, dass ich der Meinung bin, dass jede Seminararbeit ins Internet gehört - wohl kaum - aber es gibt einige sehr gute Seminararbeiten zu manch entlegenem Thema, die leider nie das Licht der Welt erblicken und nur von den müden Augen überlasteter Dozenten wahrgenommen wurden. Für mich steht zumindest fest, dass jede universitäre Abschlussarbeit, ob nun Magister-, Diplom-, oder Staatsexamensarbeit, gehört veröffentlicht!

Endlich bleibt mir noch zu bemerken, dass jedem Studierenden der Geschichtswissenschaft zu empfehlen ist, seine Nase in dieses Lehrbuch zu stecken.
Und an die Dozenten des Einführungskurses Mittelalter, ob nun in Form einer Vorlesung, eines Seminars oder einer Übung, ergeht die Bitte ein Exemplar dieses Bandes in den Semesterapparat zu stellen. Dankeschön.

Maik Hager

Das Oldenbourg Geschichte Lehrbuch gibt's auch als kostengünstige Gesamtausgabe.

Gaudeamus!

Weitere Informationen zum OLG finden Sie auch unter
www.geschichte-lehrbuch.de.

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