Ulrich Molitor

Von Unholden und Hexen,

in einer Bearbeitung von Nicolaus Equiamicus,

Ubooks-Verlag, Diedorf 2008.

Ulrich Molitor (latinisiert: Ulricus Molitoris, 1442 - 1507) studierte Reichs- und Kirchenrecht in Basel und Pavia, arbeitete unter anderem als Jurist und Notar in Konstanz und am Hof der Tiroler Herzöge in Innsbruck. Nachdem er 1495/96 sogar zum Kanzler des Herzogtums Tirol aufgestiegen war, die Stelle jedoch aufgeben musste, wurde Molitor 1497 durch kaiserliche Vermittlung schließlich Anwalt am Reichsammergericht, dem höchsten Gericht es Heiligen Römischen Reiches, an dem er bis zu seinem Tode tätig war. Seine umfassenden praktisch-juristischen Fähigkeiten auf dem Gebiet des Hexenwesens erarbeitete sich Molitor während der Hexenverfolgungen in den Jahren 1481-1485 als Notar am bischöflichen Gericht in Konstanz. Während seiner Dienstzeit war er bei einigen Prozessen gegen vermeintliche Hexen zugegen. Mit Hilfe der dort gesammelten Erfahrungen und Beobachtungen verfasste er zahlreiche juristische Schriften wider das Hexenwesen. So kam auch das hier vorliegende Werk "Von Unholden und Hexen" (De lamiis et phitonicis mulieribus) zustande. Heute kaum noch bekannt, galt es damals als ein Standardwerk für alle Fragen des Hexenwesens und wurde sogar eine zeitlang als Anhang zum Hexenhammer (erstmals 1487 erschienen) geführt. In der modernen Forschung gilt Molitor jedoch nicht als fanatischer Hexenjäger, sondern vielmehr als Anhänger der "gemäßigten" bzw. "skeptischen" Hexenlehre (Gawron/Geiling).

Molitor schrieb dieses Traktat im Jahr 1488. Ein Jahr später wurde es veröffentlicht. Ursprünglich in Latein geschrieben, erschien es noch im selben Jahr auch in deutscher Sprache. Die Grundlage dieser von Nicolaus Equiamicus kommentierten Ausgabe bildet eine Übersetzung von Konrad Lautenbach aus dem Jahr 1575. Equiamicus hat diese Ausgabe mit Hilfe der Lautenbach'schen Übersetzung und der lateinischen Erstausgabe überarbeitet und so die Texte in ein heute verständlicheres Deutsch übertragen. Darüber hinaus ist das Traktat, um es verständlich zu machen und in den historischen Kontext einzuordnen, mit zahlreichen Worterklärungen und einem einleitendem Vorwort versehen worden.

Die Ausgabe besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil gibt der Bearbeiter Molitors Abhandlung über die verschiedenen Fragen nach Fähigkeiten und Wirken von Hexen und Unholden wieder. Molitor klärt zum Beispiel, ob Hexen schlechtes Wetter machen und Menschen in Tiere verwandeln können. Diese Fragen und zahlreiche weitere Probleme werden in Form eines Dialoges erörtert, so dass der Leser Ohrenzeuge eines fiktiven Gespräch spätmittelalterlicher Juristen wird. Da Ulrich Molitor Folter als Beweisführung ablehnt, werden die verschiedenen Fragen mit Hilfe von Bibeltexten, Meinungen und Äußerungen von Philosophen aus allen Epochen und auch durch Mythen und Legenden widerlegt oder bestätigt.

Der zweite Teil des Buches besteht aus kurzen Geschichten und Ereignissen, die die zuvor erörterten kirchenrechtlichen Fragen behandeln. Diese Horrorgeschichten über die Fähigkeiten und das Wirken von Hexen, Zauberern und ähnlichen Gestallten, die Nicolaus Equiamicus ergänzend hinzugefügt hat, muten uns heute wie Erzählungen aus Märchenbüchern an, die bösen Kinder Angst einjagen sollten. Doch stellten solche Berichte für die Menschen - in diesem Fall gebildete Juristen - des 15. und 16. Jahrhunderts den Beweis für die Existenz böser übersinnlicher Kräfte von Hexen, Unholden und dem Teufel dar. In einer Zeit, in der die Bibel und das Wort des Papstes über jeden Zweifel erhaben waren und die Naturwissenschaften viele Phänomene und Krankheiten noch nicht erklären konnten, galten diese Vorkommnisse als böse Zauberei oder als Strafe Gottes. Die juristische Auseinandersetzung mit solchen Gottesstrafen und den scheinbaren Teufelswerken böser Mächte wurde auch lange nach Molitor als ernsthafte Wissenschaft zur Entsühnung aufgefasst.

Als Quelle für die Gedanken- und Vorstellungswelt des 15. und 16. Jahrhunderts ist Molitors Schrift über das Hexenwesen in der hier vorliegenden Bearbeitung und die vom Herausgeber besorgter Ergänzungen anderer zeitgenössischer Autoren überaus empfehlenswert. Die Arbeit ist durchweg gelungen, fachkundig ausgeführt und wird durch zeitgenössische Holzschnitte anschaulich ergänzt. Die Übertragung in ein für moderne Leser verständlicheres Deutsch bietet besonders für die Einbindung des Themas in den Geschichtsunterricht (8. Klasse) gute Anknüpfungspunkte, da hier meist lesbare Quellentexte Mangelware sind. Wenn auch für den Inhalt des Buches unwesentlich, so soll an dieser Stelle doch auch die gelungene moderne Einbandgestaltung herausgehoben werden, die vor allem jüngere Leser ansprechen dürfte. Bleibt als einziger Kritikpunkt nur der stolze Preis von 18,90 €, der jedoch den aufgeschlossenen und am Thema interessierten Leser nicht schrecken sollte.

Manuela Hager

Links

Internetseite des Ubooks-Verlag - Informationen zum Herausgeber: Nicolaus Equiamicus

Internetseite des Herausgebers

Zur Einbandgestaltung: The Butterfly Within

Digitale Fassung der Lautembach'schen Übersezung (Universität Utrecht)

Geiling, Jens/Gawron, Thomas: Molitor, Ulrich. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net. - mit zahlreichen Verweisen auch auf digitale Ausgaben des Hexentraktats.

 

 www.geschichte-erforschen.de - © 2008 - Impressum - disclaimer