Rezension: Max Gallo, Robespierre
Gallos Robespierre-Biographie, die erstmals 1968 unter dem Titel "L'homme Robespierre. Histoire d'une solitude" erschien, liegt nun in einer neuen deutschen Übersetzung vor. |
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Diese Studie ist keine geschichtswissenschaftliche Biographie im gewohnten Sinne, sondern vielmehr mit dem Anspruch verknüpft, die komplexe Psyche eines Menschen zu analysieren, um so ein Verständnis für seine Persönlichkeit zu erlangen. Sie ist das Psychogramm eines Monstrums! Die Neuausgabe ist mit einem Nachwort
versehen, das lieber ein Vorwort hätte sein sollen und daher empfehle ich
dem Leser das Buch sozusagen von hinten aufzuzäumen. Auf ähnliche Weise
verfährt schließlich auch Gallo, der zuerst das ruhmlose Ende seines
"Helden" schildert. Den Keim für Robespierres nazistisches Wesen, seinen Tugendfanatismus und Kompromisslosigkeit sieht Gallo in dessen Kindheit und Jugend. Den Verlust seiner Mutter nicht verkraftend sah sich Robespierre nachdem auch sein Vater gestorben war, der der Familie nur Schande und Elend brachte, in einer Rolle, der er nicht gewachsen war. Die Verantwortung nun für die Geschwister ein leuchtendes Vorbild zu sein, quasi Elternersatz, führte ihn in eine gefühlsmäßige Vereinsamung. Sein Leben enthielt nur noch Pflicht und Tugend und dadurch verwandelte er sich in das Monster Robespierre. Gallo schildert ihn nicht als blutrünstiges, gewalttätiges Monster, sondern als steriles, fast mechanisches Ungeheuer, dem die Nähe anderer Menschen zur Qual wurde, der in jeder politischen Gegnerschaft eine persönliche Feindschaft ausmachte und der überzeugt war, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Diese Selbstüberschätzung wird in der Verehrung des "Höchsten Wesens", bei der sich Robespierre selbst zum Hohepriester macht am deutlichsten (S. 246ff). Eine tatsächliche Persönlichkeit lässt sich anhand Gallos Studie bei Robespiere nicht erkennen. Der Man hat keine Schwächen, keine Fehler und schon gar keine Laster. Die Gefühlskälte dieses Revolutionärs lässt auch beinahne den Rezensenten seinen Kopf fordern: Nieder mit dem Tyrannen! Doch das ist nicht die Einschätzung Gallos. Er verurteilt Robespierre nicht, weder für seine Taten noch für seine Psyche, die er so detailgenau offenlegt. Gallo bezieht keine Stellung, jedenfalls nicht die Stellung anderer, und gleicht damit auf bestimmte Weise seinem Betrachtungsgegenstand. |
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Diese "Nichtpositionierung" bestätigen auch
die Herausgeber: "Gallo, ..., saß im Kontext der Robespierreforschung also
zwischen allen Stühlen." (S.269) D. h. jedoch nicht, dass seine Beitrag
uninteressant ist, sondern, dass er sich nicht für die eine oder andere
politische Forschungsrichtung vereinnahmen ließ. Das macht das Buch jedoch
nicht uninteressant. Gallos Untersuchung folgt vielmehr dem Konzept Plutarchs (Alexander 1)*: "Wie nun die Maler die Ähnlichkeit dem Gesicht und den Zügen um die Augen entnehmen, in denen der Charakter zum Ausdruck kommt, und sich um die übrigen Körperteile sehr wenig kümmern, so muss man es mir gestatten, mich mehr auf die Merkmale des Seelischen einzulassen und nach ihnen das Lebensbild eines jeden zu entwerfen, die große Dinge und die Kämpfe aber anderen zu überlassen." Maik Hager |
* Plutarch, Große Griechen und Römer, übers. v. Konrat Ziegler, Bd. 5., München 1980, S. 7. Links: - Internetseite des C. H. Beck Verlags, Fachbereich Geschichte und Politik |
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