Prof. (em.) Peter Schulz-Hageleit,

Psychologische und geschichtswissenschaftliche
Erkenntnisdiskurse – eine produktive Spannung,

Gedanken nach der Lektüre von:

Stephan Marks,

Warum folgten sie Hitler?
Die Psychologie des Nationalsozialismus,

Patmos Verlag, Düsseldorf 2007.

Stephan Marks, Sozialwissenschaftler und Supervisor, tätig in Freiburg, präsentiert nach mehrjähriger interdisziplinärer Forschungsarbeit ein Buch, dem möglichst viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind; denn es ist in seinen Ergebnissen ebenso aufschlussreich und spannend wie in der Darbietung sachlich und gut lesbar, ganz zu schweigen von einem ausgewogenen Forschungsdesign, das mit Interviewausschnitten im Text anschaulich, lebendig zur Geltung kommt.

Was inhaltlich dargeboten wird, fasst Marks in der Einleitung besser zusammen, als ein Rezensent das könnte, und so sei der Überblick über die einzelnen Kapitel aus dem Buch (S. 20-21) einfach übernommen:

Kapitel I: Magisches Bewusstsein. Der spezifisch nationalsozialistische Bewusstseins-Zustand lässt sich benennen als magisch, das heißt als ein Zustand, der entwicklungspsychologisch und menschheitsgeschichtlich einer frühen Phase entspricht. Bei früheren Kulturen beobachteten Ethnologen Vorstellungen vom Tabu, von einer magischen Zauberkraft ‚Mana’ und von einem Häuptling, Priester oder Führer, der durch Projektion mit besonderen ‚charismatischen’ Fähigkeiten ausgestattet und überhöht wird. Bei unseren Interviewpartnern fanden wir ähnliche Denkmuster über Adolf Hitler und das ‚Dritte Reich’.
Kapitel 2: Hypnotische Trance. Der nationalsozialistische Bewusstseinszustand lässt sich auch als hypnotische Trance beschreiben. Demnach war der Fokus der Aufmerksamkeit eingeengt, ganz auf ‚Drittes Reich’ und ‚Führer’ konzentriert. Dieser Zustand ging einher mit reduzierter Kritikfähigkeit, verzerrter Realitätswahrnehmung, Passivität und Regression.
Kapitel 3: Schamabwehr. Große Teile der deutschen Bevölkerung empfanden Scham angesichts der Niederlage des Ersten Weltkrieges und des Versailler Vertrags, der Geldentwertung, Arbeitslosigkeit, Armut und der politischen Schwäche der Weimarer Republik. Das NS-Programm vermochte diese Schamgefühle für seine Zwecke zu instrumentalisieren, indem er seinen Anhängern Schamabwehr anbot und legitimierte. Dazu wurden andere, insbesondere jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger erniedrigt, beschämt, zu Objekten gemacht und schließlich vernichtet.“

[Ergänzend kann an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht werden, dass Stephan Marks dem Thema Scham – die tabuisierte Emotion ein ganzes Buch gewidmet hat, das ebenfalls im Patmos-Verlag erschienen ist.]

Kapitel 4: Narzissmus und narzisstische Kollusion. Der Nationalsozialismus lebte von der narzisstischen Bedürftigkeit seiner Anhänger. Dies erfolgte durch eine Dynamik, wie sie bei narzisstischem Missbrauch und z.B. auch in Sekten zu beobachten ist. Demnach funktionierte der NS-Staat wie eine kollektive narzisstische Kollusion. Dieser (aus der Familientherapie stammende) Begriff beschreibt das unbewusste Zusammenspiel mehrerer Personen nach dem Muster: A lebt für die Bewunderung von B, und B wird durch die Bewunderung von A erfüllt.
Kapitel 5: Die Traumata früherer Generationen. Die Denk- und Verhaltensmuster der jüngeren Nationalsozialisten waren geprägt durch die Traumata ihrer Väter-Veteranen des Ersten Weltkrieges-, die transgenerational an die Kinder delegiert wurden. Das Nazi-Programm vermochte diese Trauma-Abwehr aufzugreifen und zu seinem Programm zu machen.
Kapitel 6: Abhängigkeit. Die Beziehung zwischen dem Nationalsozialismus und seinen Anhängern hatte den Charakter von Abhängigkeit bzw. Sucht, wobei Adolf Hitler und das ‚Dritte Reich’ das Suchtmittel waren.
In den Schlussfolgerungen werden die Ergebnisse auf ihre Bedeutung für die Gegenwart befragt.
Im Anhang wird schließlich das methodische Vorgehen des Forschungsprojekts dargelegt.“

So weit der nützliche Leitfaden, den Marks den Darlegungen im Einzelnen vorausgeschickt hat.
Da und insofern der Rezensent hauptamtlich kein Psychologe, sondern Geschichtsdidaktiker ist, soll zuerst der Gewinn hervorgehoben werden, den auch und gerade historisch interessierte Leser aus dem Buch ziehen können. Werfen wir zum Beispiel einen Blick auf Kapitel 3 in der obigen Zusammenfassung. Dass die militärische Niederlage des Ersten Weltkrieges mit ihren Folgen (Erlebnis der Demütigung durch den Versailler Vertrag, Entmachtung und Entwertung Deutschlands durch die Sieger) auf das kollektive Geschichtsbewusstsein Einfluss ausgeübt und den Aufstieg Hitlers begünstigt hat, das sind auch für Historiker keine neuen Befunde, im Gegenteil. Interessant sind gleichwohl die psychohistorischen Details, die durch Marks’ Forschungen zu Tage treten, vor allem die generationsübergreifenden Wirkungen von Traumatisierungen (5. Kapitel), die ja in der faktenorientierten Historiographie kaum eine Rolle spielen. Den Kindern traumatisierter Eltern wird sozusagen eine mentale Hypothek in die Seele implantiert (mithin auch den Eltern vieler Historiker von heute), ohne dass sie es merken. Dieses Implantat entwickelt, wenn es nicht bewusst und innerlich aufgelöst wird, eine fatale psychologische Eigendynamik, die auch auf die geschichtswissenschaftliche Arbeit ausstrahlt, wie an Fallbeispielen der Geschichtswissenschaft nach 1945 deutlich nachgewiesen werden kann. (Dazu hat Nicolas Berg mit rein geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisinstrumenten eine fundamental wichtige Untersuchung vorgelegt.)

Als zweites Beispiel für den Gewinn, den Geschichtswissenschaft einschließlich der Geschichtsdidaktik und der historisch-politischen Bildung aus Marks’ Publikation ziehen können, sei das Charisma erwähnt, auf das der Autor im ersten Kapitel über „magisches Bewusstsein“ eingeht (S. 36 ff.). Charisma und charismatische Herrschaft sind bekanntlich Schlüsselthemen in Hans-Ulrich Wehlers Deutscher Gesellschaftsgeschichte (vierter Band, vgl. Textstellen über Index ebd.). Ohne Hitlers Charisma fehle den geschichtswissenschaftlichen Erklärungen des Nationalsozialismus eine besonders wichtige Dimension, lehrt Wehler, und er hebt diese Dimension dann hervor, wenn die Zunft andere Inhaltsakzente setzt und das Charisma-Paradigma gar nicht auf der Tagesordnung steht (vgl. Wehler in Frei 2007).

Man kann Wehler nicht vorhalten, dass er die gesellschaftliche Kräfte übersieht, die den Charismatiker zu dem machen, was er sein will. Im vierten Band der Deutschen Gesellschaftsgeschichte (S. 552) heißt es beispielsweise: „Der Charismatiker und seine Gesellschaft, die nach ihm verlangt, ihn trägt, ihn mit ihrer Loyalität bestätigt, stehen, wie gesagt, in einer so unauflöslichen Wechselwirkung, dass der Charismatiker ohne die Berücksichtigung dieses gesellschaftlichen Kontextes ebenso wenig realistisch beurteilt, wie das Verhalten der Gesellschaft ohne die Einwirkung des Charismatikers angemessen verstanden werden kann.“ Man kann ihn aber nach den Folgen einer derartigen Einsicht auf das eigene historiographische Werk fragen, das Charismatik und Führergläubigkeit konstruktiv über Gebühr strapaziert und damit die individuellen Verantwortungen, auch die der Historiker nach 1945, minimiert. Wehler reproduziert das NS-Faszinosum, das er als Hitler-Junge selbst erlebt hat (vgl. Wehler in Hohls und Jarausch) in reiferen Jahren als geschichtlichen Tatsachenkomplex und verdinglicht damit mehr als bloß die Tatsachen, auch wenn diese im Einzelnen tausendfach zu belegen sind. „Unauflöslich“ war und ist die Wechselwirkung zwischen Führer und Geführten jedenfalls nicht. Unauflöslichkeit ist eine physikalisch-materielle Eigenschaft oder ein subjektives Gefühl, aber keine historisch-politische Konstellation.

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die er mit 43 Interviewpartnern machen konnte, warnt Marks vor dem „Bannkreis der Vorstellungen (…), die durch die Nazi-Propaganda selbst geschaffen wurden“, und vor Mystifizierungen des Nationalsozialismus als ‚unerklärbares ‚Faszinosum’ (S. 38). Die Warnungen haben auch weiterhin ihre Berechtigung.
Psychohistorische Bannkreise – wann und wie auch immer sie entstanden sein mögen – können in dem Maße nachhaltig überwunden werden, wie Tabus, Abhängigkeiten, Traumata, Gruppenzwänge und weitere Konstellationen ähnlicher Art in ihrer Wirkung auf die eigene Person oder Gruppe erkannt und „durchgearbeitet“ werden. Doch hier liegt ein entscheidendes Problem. Freud bezieht den terminus psychoanalyticus „Durcharbeiten“ auf den Widerstand des Patienten im besonderen psychoanalytischen setting, das nicht ohne Weiteres auf das „Aufarbeiten“ von Geschichte und den öffentlichen Raum der Politik übertragen werden kann. Marks widmet dem „Nutzen des Durcharbeitens“ zwei Textseiten, die wie alles in seinem Buch substanziell fundiert und gut lesbar sind. Notwendig bleiben aber weitere Recherchen und Reflexionen zur Frage, wie die methodologische Kluft zwischen Intimsphäre der Psychoanalyse und öffentlicher Diskurskultur verringert werden kann.

Entsprechendes gilt für Erkenntniselemente, die der „Gegenübertragung“ entspringen (S. 182-184) und somit außerhalb einer psychoanalytisch supervidierten Beziehungsdynamik schwer zu handhaben sind. Ein Interviewer fühlt sich zum Beispiel nach dem Interview verwirrt, desorientiert, „wie besoffen“. Es konnte geklärt werden, dass die im Interviewer erzeugte Verwirrung eine indirekte Mitteilung über die Erfahrung im Nationalsozialismus enthielt, der das bewusst kontrollierende Denken gezielt außer Kraft gesetzt hatte. Wenn der Erzähldrang eines Gesprächspartners oder Gruppenteilnehmers so stark ist, dass er alle anderen tot redet, unbeirrbar und rücksichtslos, dann ist die in diesem Wie steckende Information wichtiger als das Was der ganzen Erzählung. Derartige Erkenntniswerte werden aber außerhalb der Psychoanalyse praktisch nicht beachtet, zum gravierenden Nachteil möglicher Erkenntnisfortschritte.

In dem angedeuteten Fall ergab sich ein evidenter Zusammenhang zwischen dem aktuellen geradezu zerstörerischen Erzähldrang und früheren materiell-militärischen Zerstörungen, die der Interviewte im Zuge einer Politik der verbrannten Erde zu vollbringen hatte. Er erzählt (S. 102): „Nach 43 ging es eigentlich immer nach rückwärts. Das hatte für uns als Pioniere zur Folge, dass wir nur zerstört haben. Denn es durfte ja nichts zurückbleiben, was dem Gegner nutzen könnte. Das heißt aber, es wurde aber auch nichts zurückgelassen, was der Zivilbevölkerung genutzt hätte, denn die hätten ja wiederum die Rote Armee unterstützt. Also gab es eine Zeit, fast das ganze Jahr 43 und dann bis zum Ende, da haben wir nur noch zerstört.“

Eine geradezu suizidale Destruktivität bedroht die Welt auch nach dem Sieg über die Nationalsozialisten in je verschiedenen Zusammenhängen, von Hiroshima über einen ruinösen Waffenhandel bis zur selbst verschuldeten Klimakatastrophe, so dass es erlaubt sein muss zu fragen, ob Geschichte überhaupt einem destruktiven Wiederholungszwang unterliegt. Die Suche nach adäquaten Antworten auf diese Frage würde in einem gedanklichen Labyrinth oder in einer Sackgasse enden, wenn man den Wiederholungszwang in dem Sinn inhaltlich wörtlich nähme, dass etwa ein zweites Auschwitz zu befürchten sei. Dieser Gedanke wäre Wasser auf die Mühlen der Historiker, die (mit Recht) betonten, dass Geschichte sich nicht wiederhole. Was sich aber wiederholt, dass sind unbewusste Triebregungen, heftige Wünsche (etwa nach omnipotenter Weltherrschaft), die sich als solche nicht klar zu erkennen geben, ferner kollektive Erscheinungsformen der Sucht und der Abhängigkeit oder gar suizidaler Fatalismus aus Mangel an alternativen Zukunftsentwürfen und selbstbewusst-progressiver Lebensenergie. Marks betont (S. 176): „Der Zwang zur Wiederholung bezieht sich nicht auf manifeste Phänomene, sondern auf unbewusste Regungen.“ Es gibt zweifellos unterschwellige Traditionen bei wechselnden realgeschichtlichen Konstellationen. Hier liegt weiterer Forschungs- und Verständigungsbedarf, der so lange nicht beachtet wird, wie ein großer Teil der Sozialwissenschaften die Macht des Unbewussten schlicht und einfach ausblendet.

Obwohl kein Thema des 20. Jahrhunderts so viele und vielfältige Forschungsergebnisse produziert hat wie der Holocaust, besteht auch und gerade diesbezüglich weiterer Forschungs- und interdisziplinärer Verständigungsbedarf oder, umgangssprachlich ausgedrückt: des Gesprächs über den in dieser Extremform einmaligen Völkermord. Sind Antworten auf Marks Buchtitelfrage Warum folgten sie Hitler? auch Beiträge zur Erörterung des „Zivilisationsbruchs“, um die prägnanteste alle Erklärungsformeln in Erinnerung zu rufen, die von Dan Diner geprägt wurde? Nur begrenzt, indirekt. Hitlers begeisterte Anhängerschaft, zu der auch viele Universitätsprofessoren gehörten, ist nicht identisch mit der großen Zahl von NS-Mördern. Oder in einem weiteren Sinn vielleicht doch? Goldhagen machte ganz gewöhnliche Deutsche für den Holocaust verantwortlich, während das analoge Verdikt bei Browning ganz gewöhnlichen Männern galt. Beide auf intensiven Quellenstudien beruhende Quintessenzen verlangen nach weiteren Recherchen und Reflexionen, die unzureichend bleiben, wenn sie sich auf fachimmanente Rechthabereien beschränken.

Eins ist sicher: Keine Wissenschaftsdisziplin hat in Bezug auf das verminte Forschungsfeld Holocaust und Nationalsozialismus, das alle bisherigen historisch-politischen und moralischen Maßstäbe in Frage stellt, einen hoheitliches Erklärungsmonopol. Wichtig bleibt für die Zukunft – und gerade hier liegt ein beeindruckendes Verdienst des Forschungsprojektes von Stephan Marks -, dass allgemeine Erklärungen ohne Klärung des eigenen thematischen Involviertseins wie ein Segelboot in der Windstille dahin treiben. Das eigene Involviertsein muss nicht unbedingt öffentlich thematisiert werden, aber es müsste bewusst oder zumindest dem Dialog zugänglich sein. Solange sich Schuld- und Schamgefühle, ein Zentralthema bei Marks, oder andere psychohistorische Konstellationen in der Zentrifuge sachlicher Auseinandersetzungen nicht halten können, haben weitere Detailergebnisse unsicheren Untergrund- und Wirkungsgrad. Wie unproduktiv die unreflektierten Vermischungen von ideologisch-privaten und sachlich-wissenschaftlichen Interessen sind, zeigt nicht zuletzt die Abfolge der auf den Holocaust-NS-Komplex bezogenen Kontroversen: Historikerstreit (1986), Goldhagen-Debatte (1996), Walsers Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels (1998), auf die zuerst und maßgeblich Ignaz Bubis (mit Recht) kritisch reagierte.

In der „Perspektive der ersten Person“ zu argumentieren – das mahnte Habermas im Historikerstreit an, ohne damit viel auszurichten. Das ständig ausweichende „man“ ist ein Sprachcharakteristikum der von Marks Interviewten. Dagegen bringt Marks selbst als Interviewer und Autor souverän sein „Ich“ ins Spiel, ohne je unsachlich zu werden. Als exponiertes Beispiel sei ein Satz auf S. 182 zitiert: „Ich träumte einmal nach einem Interview, dass ich Massengräber zu öffnen und die halbverwesten Leichen umzubetten hatte.“

Die Kluft zwischen dieser Ich-Bewusstheit und der Ich-Abstinenz von Historikern (Schulz-Hageleit 2002) zeigt an, welche erkenntnistheoretischen Herausforderungen noch in Angriff zu nehmen sind. Methodologische Revolutionen mit wunderbaren neuen Erkenntnissen sind aus meiner Sicht aber nicht zu erwarten, schon weil die Geschichte ständig mehr Schwierigkeiten produziert als Menschen gefühls- und verstandesmäßig bewältigen können (mit dem unreflektierten Stichwort von der „unbewältigten“ Vergangenheit hat der Historiker Hermann Heimpel [1901-1988] in den fünfziger Jahren mehr Verwirrung gestiftet als Klärung erreicht).

Vor diesem Erkenntnishintergrund bleibe ich auch skeptisch gegenüber der Idealvorstellung, die Marks gleich zu Beginn des Buches in Bezug auf unser Erinnern entwickelt hat, indem er sich auf den kanadischen Wissenschaftler William Randall bezieht. Dieser habe das Erinnern metaphorisch mit dem Prozess des Kompostierens von angehäuften Pflanzen und Pflanzenteilen verglichen. Ablegen, zerfallen, umrühren, liegen lassen und ausbreiten – das seien Phasen des Kompostiervorgangs, den Marks auf den Umgang mit der deutschen Geschichte anwenden möchte, damit aus der furcht-baren Erfahrung frucht-bares neues Leben erwachse (S. 18).

Wie hart und schnell sich derartige Hoffnungen und Wünsche an den Realitäten stoßen, sowohl psychologisch als auch geschichtswissenschaftlich gesehen, dokumentierten schon die Interviewten selbst, denn der oben skizzierte „Kompostierungsprozess“ war in ihnen offenbar nicht weit gediehen. Hatten die Forscher etwas anderes erwartet?
Metaphern haben ihre Tücken. Sie können Gedanken anregen und Einsichten eröffnen, aber auch, wenn man sie zu eng auslegt, in die Irre führen. Nicht jedes Kompostieren führt bekanntlich zum gewünschten Erfolg, was übrigens auch für die gleichwertige Metapher des „Verdauens“ von Gedanken und Erlebnissen gilt. Manche Elemente (sprich: geschichtlich-lebensgeschichtliche Ungeheuerlichkeiten) bleiben unverdaulich bzw. nicht-kompostierbar, zumindest für einige Generationen; das betont ja auch Marks, wenn er von der „transgenerationalen Weitergabe traumatischer Erfahrungen“ spricht.

Was das für nachhaltige Forschung, Lehre und Politik bedeutet, die transformiert wurde und ihrerseits transformieren will, sollte Gegenstand weiterer Projekte sein, denen Stephan Marks „psychohistorisch“ die Richtung gewiesen hat. Sein Forschungsprojekt wurde durch die Ertomis-Stiftung begleitet und finanziert, die sich vor allem der Förderung „nachhaltiger Lebensstile“ widmet.

 


Blick vom Hotel Adlon auf den Fackelzug,
Photographie, Berlin 30. Januar 1933,
DHM, Berlin, 96/1405.

Links:

Literaturhinweise:

Berg, Nicolas: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung. Wallstein, Göttingen 20043.

Browning, Christopher, R.: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeitbatallion 101 und die „Endlösung“ in Polen. Rowohlt, Reinbek 20025.

Diner, Dan (Hrsg.) Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Fischer, Frankfurt a. M. 1988.

Frei, Norbert (Hrsg.): Martin Broszat, der „Staat Hitlers“ und die Historisierung des Nationalsozialismus. Wallstein, Göttingen 2007.

Freud, Sigmund: Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten (Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse II, 1915). In: Studienausgabe des Fischer-Verlag, Ergänzungsband (Schriften zur Behandlungstechnik), Frankfurt a. M. 1975, S. 205-215.
 

Habermas, Jürgen: Vom öffentlichen Gebrauch der Historie. In: Die Zeit, 7. November 1986, abermals abgedruckt in einem Sammelband mit mehreren Habermas-Beiträgen: Eine Art Schadensabwicklung, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1987.

Goldhagen, Daniel: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Siedler, Berlin 1996.

Heimpel, Hermann: Kapitulation vor der Geschichte? Gedanken zur Zeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1956.

Hohls, Rüdiger / Jarausch, Konrad H. (Hrsg.): Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / München 2000.

Schulz-Hageleit, Peter: Grundzüge geschichtlichen und geschichtsdidaktischen Denkens (hier 3. Kapitel: Ranke und das schwierige „Ich“). Peter Lang, Frankfurt a. M. 2002.

Ders.: Psychohistorische Fragen an die 1943 geborenen Historiker. In: www.schulz-hageleit.de (pdf-Dokumet).

Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band: 1914-1949. Beck, München 2003.

Ders.: Intentionalisten, Strukturalisten und das Theoriedefizit der Zeitgeschichte. In: Frei 2007, S. 71-75.

Ders.: „Historiker sollten auch politisch zu den Positionen stehen, die sie in der Wissenschaft vertreten“ (Interview). In. Hohls und Jarausch 2000, S. 240-266.

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