Prof. (em.) Dr. Peter Schulz-Hageleit,

Können wir der Geschichte entnehmen,
was Fortschritt ist?

Eine Auseinandersetzung mit:

Bědrich Loewenstein,

Der Fortschrittsglaube.
Geschichte einer europäischen Idee,

V&R unipress, Göttingen 2009.

Was für ein Buch!
  • Es dokumentiert umfassende Belesenheit bis hin zur fast enzyklopädischen Erfassung der europäischen Geistesgeschichte (das Personenregister verzeichnet mehr als tausend Namen) sowie die seltene Fähigkeit, historisch weit auseinander liegende Ideeneinheiten aufeinander zu beziehen, zu bündeln und problemorientiert auf den Punkt zu bringen. Es provoziert und ermutigt, denn hinter dem Fortschrittsglauben, den das Werk programmatisch, vom Buchtitel her gesehen, abhandelt, schimmern die realen Fortschritte und Fortschrittsmöglichkeiten durch, auch wenn der Autor (im Vorwort) ausdrücklich betont, dass die realen Fortschritte nicht sein Thema sei.
     
  • Es glänzt durch die Kompetenz, gelehrt und reflexiv erzählen zu können. Diese Verbindung von Narrativität und Reflexion ist wohl die stärkste Seite des Werkes, das dem Autor einen ehrenvollen Platz in der intellectual community sichern wird, insofern diese um eine Klärung des Begriffs Fortschritt historisch-politisch bemüht war, bemüht ist und weiterhin bemüht sein wird.
     
  • Es vermittelt aber auch eine (dem Autor offenbar innewohnende) Haltung der prinzipiellen Skepsis gegenüber allen Fortschrittsplänen und -visionen, da und insofern sich diese ausnahmslos als uneinlösbare Wunschträume erwiesen haben. Das macht die Lektüre der 450 großen Textseiten beschwerlich: Man findet keinen geistigen Halt, keinen gedanklichen roten Faden, von der historiographischen Motivsuche chronologisch quer durch die Jahrhunderte abgesehen.

Ein Indiz für die textimmanente Spannung ist das synonyme Nebeneinander von Titel und Untertitel: Glaube und Idee werden als ein und dasselbe abgehandelt, was um der geistes- und kulturgeschichtlichen Klarheit willen sprachlich besser nicht sein sollte.
Doch versuchen wir erst einmal, uns einen inhaltlichen Überblick zu verschaffen, was angesichts der Materialfülle allerdings nur in flüchtigen Umrissen gelingen kann.
Das Buch beginnt mit einem Vorwort, das einige knappe Hinweise auf den lebensgeschichtlichen Hintergrund der Werkentstehung gibt. Der Verfasser, geboren 1929, ein tschechischer Dissident, homme de lettres wie er im Buche steht, war viele Jahre auf der Suche nach Alternativen zum „sowjetmarxistisch verflachten Fortschrittsglauben“, emigrierte 1972 in den Westen und lehrte bis zu seiner Emeritierung am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin. Das Werk ist das Ergebnis einer rund vierzig Jahre dauernden geisteswissenschaftlichen Forschungsarbeit.

Methodologisch vermerkt Loewenstein leider nur sehr knapp (S. 8), dass er sich als interdisziplinär arbeitender Historiker verstehe, nicht als systematischer Philosoph. Das Interdisziplinäre hätte einige präzisierende Bemerkungen verdient, denn es ist gerade in den letzten Jahren immer wieder Gegenstand verschiedener Symposien gewesen, man denke nur an die Bedeutung der Hirnforschung auch für die Geschichtswissenschaft (43. Historikertag im Jahr 2000), an die breite Diskussion über den konstruktivistischen Charakter unseres Denkens und an die „Fiktion des Faktischen“, auf das uns Hayden White 1986/1991 aufmerksam gemacht hat.

Das Buch endet mit einem bibliographisch-theoretischen Essay, der die Einschätzung des Autors zu einigen der von ihm durchgearbeiteten Werke im Kontext der eigenen Argumentationslinie enthält. Hier werden themenrelevante Autoren wie Karl Löwith, Jan Romein, Ernst Bloch, Reinhart Koselleck, Jacques Derrida, Hermann Lübbe bis hin zu einem Artikel in DIE ZEIT (Thomas Assheuer 2005) kurz vorgestellt, was noch einmal die Gelehrsamkeit des ganzen Buches dokumentiert, aber auch die Schwierigkeit des Gelehrten, im Meer der geistesgeschichtlichen Blüten das eine oder andere Exemplar etwas deutlicher zur Geltung zu bringen und zu würdigen. Weniger wäre mehr gewesen.
Die themenbezogene Abhandlung im engeren Sinn ist in 21 Kapitel eingeteilt, die chronologisch angeordnet und folgendermaßen überschrieben werden:

I. Präfigurationen (1. und 2. Kapitel)
Hier wird zuerst die griechisch-römische Antike thematisiert (Radmetapher und ewige Wiederkehr als Elemente des frühen Geschichtsbewusstseins); daran anschließend werden Elemente der christlichen Heilsgeschichte (Augustinus, Thomas von Aquin) sowie Ausschnitte der entsprechenden Realgeschichte (Karl der Große) referiert. Fortschritt verschaffte sich in Loewensteins Darstellung als Fortschreiten des Gottesreiches unter irdischer Kirchenherrschaft Geltung. Dabei wurde der Geist der Bergpredigt weitgehend verdrängt.
Am Ende dieses ersten Kapitels urteilt Loewenstein (S. 50), dass bestimmte Elemente in der mittelalterlichen Gesellschaft (u. a. menschliche Arbeit und Praxis) „noch zu schwach“ gewesen seien, „um sich zu einer dynamischen Fortschrittsidee zu bündeln“. Damit entsteht im Leser fast zwangsläufig die Erwartung, dass nachfolgende Kapitel diese moderne dynamische Fortschrittsidee genauer präsentieren.

II. Bausteine einer Moderne (3.-5. Kapitel)
Hier führt uns der Autor von der Renaissance, in deren Bewusstsein „im Grunde kein Fortschritt stattfindet“ (S. 54), über die Unruhen der Reformation und den beginnenden Nationalismus als Ersatzreligion, bis zum Vorabend der Aufklärung, an dem „eine in Eigenverantwortung fortschreitende und sich ständig überholende Vorläufigkeit der Erkenntnis [aber] noch nicht denkbar war“ (S. 98). Abermals dieses „noch nicht“, das wie eine unsichtbare Hand die Kapitel miteinander verbindet. Jesuitenpater Friedrich Spee (1591-1632) habe die wohltuende („fortschrittliche“?) Auffassung vertreten (S. 69), dass nicht der Teufel, sondern die Tortur die Hexen mache. Aber zu rationalen Weltvertrauen war es noch ein weiter Weg.“ Haben wir den weiten Weg inzwischen hinter uns? „Den Menschen war es unheimlich, in völliger Eigenverantwortung, ohne Krücke einer höheren Vernunft, denken und handeln zu müssen“ (S. 99). Haben wir Menschen im 21. Jahrhundert diesen Zustand überwunden?

III. Die neuen Mächte (6. und 7. Kapitel)
Als neue Macht tritt vor allem der Geist der Rationalisierung in Erscheinung, der den Fortschritt in der Handelsbilanz verwirklicht sieht und den Sklavenhandel dabei ohne größere Bedenken einbezieht. Die „Modernisierung“ greift um sich. Als bekannter Denker der Zeit wird John Locke (1632-1704) vorgestellt. Er habe „keine Fortschrittstheorie entwickelt, aber doch Elemente einer solchen bereitgestellt“ (S. 115). Dazu gehörten u. a. die im Zuge der Glorious Revolution erkämpften unveräußerlichen Rechte der Untertanen sowie die Definition der Regierung als Treuhandschaft der Gesellschaft.
Voraussetzung für die „Herausbildung einer authentischen Fortschrittsidee“, schlussfolgert Loewenstein am Ende des Kapitels (S. 129), wäre die Integration des ökonomischen, sittlichen und religiösen Erfahrungsraumes gewesen. Genau diese Integration sei aber nicht gelungen. Das Noch-nicht einer „authentischen Fortschrittsidee“ ist wie der formal-äußerliche, weiter existierende Rahmen des Marxismus, aus dem sämtliche Inhalte entfernt wurden.

IV. Aufklärung und Revolution (8.-11. Kapitel)
Auch im Werk Montesquieus (1689-1755), das den „Geist der Gesetze“ analysierte und den nicht zu bezweifelnden politischen Fortschritt der Gewaltenteilung auf den Weg brachte, seien nur viele Elemente einer liberalen Programmatik enthalten, die sich aber „immer noch zu keiner eigentlichen Fortschrittskonzeption“ zusammenfügten (S. 142). Ähnliches gilt nach Loewenstein für Voltaire und seinen ideengeschichtlichen Gegenspieler Rousseau. Die Revolution, die sich als säkularen Erlösungsversuch verstanden habe, sei gescheitert. Als einen unter vielen Belegen für diese skeptisch-pessimistische Perspektive kann Loewenstein auf den Philosophen und Mathematiker Condorcet (1743-1794) verweisen, der wie kein anderer an den Fortschritt geglaubt und dementsprechend gehandelt hat, von der Revolution aber vernichtet wurde.
Wie stellt sich Loewenstein das Verhältnis von Revolution und Vernunft vor? Das bleibt unklar. Einerseits sind Revolutionen gewalttätig und machtarrogant, im vermeintlichen Besitz der Vernunft. Andererseits scheinen Revolutionen nötig zu sein, um Fortschritt zu entbinden. „Auf eine Durchsetzung von Revolution in diesem Sinn [das heißt in der wertneutralen, naturwissenschaftlichen Bedeutung einer Umwälzung der gesellschaftlich-staatlichen Strukturen] kommt noch niemand“, heißt es im 10. Kapitel über eine „beschleunigte Aufklärung“ (S. 168) mit der typischen Denkfigur des „noch nicht“.
Das 11. Kapitel in diesem IV. Teil ist Autoren gewidmet, die Fortschritt über die „Erziehung des Menschengeschlechts“ erreichen wollten (Wieland, Lessing, Schiller, Kant, Herder). Loewenstein hat sie alle gründlich studiert.

V. Das Zeitalter der Industrie und Demokratie (12.-17. Kapitel)
Mit sechs Kapiteln und 125 Textseiten ist dieser Teil der weitaus längste im Buch, aber auch der an Auseinandersetzungen bzw. wertenden Stellungnahmen reichste. In die chronologisch und problemorientiert voran schreitende Darstellung mischen sich allgemeine Reflexionen, in denen die ansonsten sich entziehende Idee des „authentischen“ oder „echten“ Fortschritts erneut aufscheint, wenn auch nur flüchtig, z. B. auf

S. 221: „Und da [in der nachrevolutionären Zeit] war schließlich die Erkenntnis aufgekommen, dass für echten Fortschritt [1] ein Element der Bewahrung und kulturellen Kontinuität von einiger Bedeutung war, sollte man nicht ungewollt von idealistischen Höhenflügen in Chaos und allzu menschliche Niederungen abstürzen.“

S. 240: „Um Vernunft in die Geschichte zu bringen, bedarf es des Lernens aus Fehlern, doch dieser produktive Umgang mit Vergangenheit, wird von Hegel gerade verworfen.“ Hegel habe eine Forschrittsebene eingeführt, „die unabhängig ist vom Bewusstsein der handelnden Menschen. Tatsächlich sind sich die Zeitgenossen nur selten des historischen Orts ihrer Gegenwart bewusst bzw. einig in ihrer Einschätzung, und halten für Fortschritt, was zur Destruktion, und für ein Unglück, was sich als produktiver Schub erweisen wird.“

Besonders das letzte Zitat illustriert den historiographischen Schwebezustand der Darstellung: Menschlich bewusstes Lernen aus Fehlern als notwendiges Element des Fortschritts und ein vom Bewusstsein unabhängiges Fortschreiten der Vernunft in der Geschichte stehen relativ unverbunden neben, ja im Grunde sogar gegeneinander. Dem entsprechend schillert auch die Bewertung der Menschenrechte, die Loewenstein offenbar gerne zur Ultima Ratio erheben möchte, historiographisch-skeptisch aber doch wieder relativiert:

S. 318 f.: „Die heutige Besinnung auf den unhistorischen Codex allgemeiner Menschen- und Bürgerrechte kann gewiss als didaktisches Lernergebnis von zwei mörderischen Weltkriegen betrachtet werden. Aber ihre Anerkennung kam nicht einfach aufgrund gewachsener Einsicht in naturgesetzliche Zusammenhänge. (…) Die Freiheit des individuellen Gewissens als ihr konstitutiver Kern war keine Konzession einer Regierung, sondern galt als das Geschenk einer überirdischen Macht [tatsächlich?]. Ohne metaphysisch-naturrechtliche, ‚letztbegründende’ Gewissheit, waren die Menschenrechte immer noch eine kantische regulative Idee, gewissermaßen eine nützliche Fiktion, deren Ratio die Selbstbehauptung des moralischen Sollens bildete. Ohne diesen Kompass drohte dem Fortschritt der Verlust des Maßstabs“ (vgl. auch S. 356 über „Menschenrechtsideologie“).

Scheinbar nebensächliche Redewendungen wie „immer noch“ und „immer noch nicht“ sowie „echt“ und „authentisch“ fordern zu einer „psychoanalytisch-tiefenhermeneutischen“ Textanalyse (König 2008), die hier aber nicht geleistet werden kann.
Das realgeschichtlich auffälligste Fortschrittssignal im Zeitabschnitt der Industrialisierung und des Kampfes um Demokratie ist die Erfindung der Dampfmaschine und damit ein rasanter Aufstieg der Technik. Der Fortschritt schien, „äußerlich“ gesehen, unaufhaltsam zu sein. „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden zusammengehalten nicht nur durch ein verbürgerlichtes historisches Bildungsideal, sondern auch den Glauben an die wissenschaftlich erschließbare eine Wirklichkeit“ (S. 263). Mit Auguste Comte (1798-1857) – Stichwort „Positivismus“ - begann die bis heute naiv-fröhliche Triumphe feiernde „Idee der Gestaltbarkeit, ja Machbarkeit des Schicksals“ (S. 268) ihren Siegeszug.
Dieser mit Grundproblem randvoll gefüllte Teil hat folgende Unterkapitel:
12. Nach dem Sturm; 13. Von Hegel zu Marx; 14. Positivismus und Liberalismus; 15. Industrialismus und Nationalismus; 16. Darwin oder Kant? 17. Historismus, Fortschrittsskepsis, Kulturpessimismus. Der V. Teil endet, wie könnte es anders sein mit: Nietzsche.

VI. Ein Rückblick auf das 20. Jahrhundert (18.-21. Kapitel)
Im 19. Kapitel, das Paradigma des Krieges, S. 365, erlaubt sich Loewenstein die frivole Frage, „ob der [Erste] Weltkrieg, allen seinen Opfern und Absurditäten zum Trotz, gewissermaßen hinter dem Rücken der Akteure, die am Rad der Geschichte drehten, nicht doch als Schub bei der ‚Erziehung des Menschengeschlechts’ verstanden werden kann.“ Der aufmerksame Leser erinnert sich an das „didaktische Lernergebnis von zwei Weltkriegen“ (Zitat S. 318) und überlegt, vielleicht folgendermaßen:
Sicherlich kann ein Erziehungs- und Lerneffekt der beiden Weltkriege so verstanden werden. Aber einen Impuls zum weiteren Nachdenken über Möglichkeiten des Fortschritts vermittelt der Gedanke nicht. Wie hieße denn die nächste Stufe dieser „Erziehung des Menschengeschlechts“? Dass die Menschheit nahezu zerstört werden muss (durch einen Atomkrieg oder den Raubbau der Ressourcen), damit sie innehält und einen anderen Weg einschlägt?
Bezeichnenderweise gibt Loewenstein selbst auf seine rhetorisch frivole Frage keine Antwort. Der Autor verbirgt sich hinter Gelehrsamkeit und Gedankenreichtum (darauf gehen wir unten noch einmal ein). Statt eine Schneise in das Dickicht der in sich widersprüchlichen Fortschrittsvisionen zu schlagen, werden auch im Rückblick auf das 20. Jahrhundert Autoren mit geradezu gegensätzlichen Sichtweisen referiert, zum Beispiel Ernst Jünger und Ernst Bloch, Oswald Spengler und Albert Schweitzer. Selbstverständlich wird auch Woodrow Wilsons erdumspannender Friedensplan von 1918 („Vierzehn Punkte“) präsentiert, der aber ebenfalls „scheiterte“. (Ich setze das Wort „scheitern“ in Anführungszeichen, weil in meinem Geschichtsbewusstsein eine Wirkungslosigkeit im ersten Anlauf keine Zwecklosigkeit im weiteren Verlauf der Geschichte bedeutet. Menschlich-sozialer, politisch-ethischer Fortschritt gelingt nie mit einem Mal.)

Der Fortschritt – Ein bibliographisch-theoretischer Essay
Das Schlusskapitel (18 Seiten) beginnt mit einer philosophierenden Abhandlung über „Zeichen der Zeit“, Zeitkonventionen und sinnverwandte Motive. Mit Recht unterscheidet Loewenstein das europäische Zeitempfinden von demjenigen der „Naturvölker“, die „in der Dauer einer kaum gemessenen Gegenwart“ (S. 433) leben, so dass sich Fragen nach einem Fortschritt in unserem Sinn gar nicht ergeben. Das große, komplexe Themenfeld ist damit um eine Problemdimension erweitert worden.
Am Ende angekommen (S. 450) blickt der Autor auf seinen Forschungsweg und das dabei entstandene Werk folgendermaßen zurück:
„Auch unser gedanklicher Weg zurück ist offen. Man begibt sich auf seine Odyssee mit dem semantischen Konstrukt des ‚Fortschritts’ als Kompass, dessen Herkunft ebenso interessiert, wie sein sich wandelnder konkreter Inhalt und der Zusammenhang zwischen ideellem Entwurf und sozialen Praktiken; ob man dabei zum Anfang der Reise auf Ithaka zurückfindet oder fremde Inseln entdeckt, sei dahingestellt. Es war uns weder um melancholisches Flüchten in heile Vergangenheiten noch um Schuldzuweisungen an eine fragwürdige Tradition zu tun, die im Namen der Zukunft und eines angemaßten ‚monotheistischen’ Wahrheitsanspruchs die schöne Göttervielfalt der jeweiligen Gegenwart zerstörte. [2] Vielleicht gewinnt aber unser praktisches Problemlösen, die Suche nach produktiven Auswegen aus den Sackgassen der heutigen Welt, durch die Aufarbeitung der europäischen Zeitzeichen, der Wege und Irrwege des Fortschrittsglaubens, ein Stücke Tiefenschärfe und Problembewusstsein.“
Der Autor als Odysseus, der unsicher bleibt, ob er zu seiner Heimat zurückfindet: eine bemerkenswerte Selbststilisierung!

Das Ganze ergab 450 Textseiten (im Format des Großen Brockhaus), dazu der schon erwähnte Personen-Index (mit dreizehn Seiten), der die Eignung des Werkes als Nachschlagewerk steigert. Wahrscheinlich aus Platz- und Kostengründen wurde auf das ansonsten übliche Literaturverzeichnis verzichtet, eine durchaus vertretbare Entscheidung; denn welcher heutige Leser wäre bereit und fähig, zur Vervollständigung des Kontextes etwa tschechische Autoren im Original nachzulesen.
Ich möchte nun, nach diesem Rückblick auf die Inhalts- und Argumentationsstruktur des Buches, einige Problemfelder umreißen, die mir durch die Lektüre deutlicher bewusst geworden sind, die Grenzen des vorgegebenen thematisch-sachlichen Rahmens aber überschreiten und insofern auch nicht als Kritik, sondern als Gesprächseinstieg in ein Aufgabenfeld zu verstehen sind, das kein Mensch allein übersehen, geschweige denn „bewältigen“ kann (in dieser Einschätzung weiß ich mich mit Loewenstein völlig einig). Hintergrund meiner Überlegungen ist ein eigenes Buch zum Thema Fortschritt, das abgesehen von dem viel schmaleren Umfang einen inhaltlich-intentional ganz anderen Zuschnitt hat und von daher zu Fragen anregt.

1. Problemfeld: Fortschritt als Begriff, Begriffsfeld und Konstrukt
Ohne eine definitorische Differenzierung des Begriffs Fortschritt gerät man über kurz oder lang in gedankliche Turbulenzen, ja in kognitive Untiefen, die nur durch einen mehr oder weniger willkürlichen Themenwechsel zu überwinden sind. Durchaus üblich ist, und das wäre eine erste Differenzierung, die Unterscheidung zwischen technisch-wissenschaftlichem und gesellschaftlich-ethischem Fortschritt, der sich eine Unterscheidung von „kleinen“ Fortschritten im eher privat-persönlichen Leben und „großen“ Fortschritten im Ganzen der Geschichte anschließen könnte.
In seiner Abhandlung über Ursprung und Ziel der Geschichte stellt der Philosoph Karl Jaspers (1883-1969) die These auf, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt als lineare Aufwärtsentwicklung zu denken ist, während die „Substanz des Menschseins“ unverändert bleibe. „Das Menschsein selbst, das Ethos des Menschen, seine Güte und Weisheit machen keinen Fortschritt.“ Darüber könnte man sich inhaltlich streiten. Unstrittig nützlich ist aber die zitierte (von vielen weiteren Autoren) geteilte Unterscheidung, die uns auffordert darüber nachzudenken, was denn in den menschlichen Beziehungen (es muss vielleicht nicht gleich die „Substanz“ des Menschseins sein) das Attribut des Fortschrittlichen verdienen könnte.

Loewenstein übersieht das Problem der Inhaltsvarianten im Begriff Fortschritt keineswegs, aber (wie in der Inhaltsübersicht schon angemerkt wurde) er erörtert es nicht methodologisch-systematisch, sondern eher beiläufig dort, wo es der Chronologie nach hinzugehören scheint, etwa zum Beginn des 17. Kapitels (S. 319), wo es heißt:

„Der Verdacht war alt, dass die Singularisierung des Fortschrittsbegriffs eine fragwürdige Verallgemeinerung darstellt. [3] Abgesehen davon, dass alle Neuerungen unvorhergesehene Nebenwirkungen aufweisen und statt der alten Probleme neue schaffen, [4] summieren sich die Einzelfortschritte nicht automatisch zu einem harmonischen Gesamtergebnis, dem ‚Fortschritt an sich’. [5] Der Wille zum Fortschreiten [6] geht aus von einer aktuellen Sicht der Dinge, von empfundenen Übeln und der optimistischen Erwartung ihrer Behebung, er beruht aber auf keinem zwingenden objektiven Zusammenhang, sondern auf subjektivem Selbstvertrauen und einem Werturteil, das das Neue dem Alten vorzieht; es ist oft Kampfbegriff, der seinen Anspruch gegen andere Wertbezüge absolut setzt.“

In der geradezu panischen Abwehr des Fortschritts als „Kampfbegriff, der seinen Anspruch gegen andere Wertbezüge absolut setzt“, wagt Loewenstein es offenbar nicht, eigene Wertbezüge bewusst einzubringen, Akzente und Prioritäten zu setzen, als wenn das die Seriosität des Unternehmens beschädigen und der Idee des Fortschritts Gewalt antun könnte. Alles in dieser endlosen „Reihe von trial and error, die nicht zuletzt die eigentliche europäische Identität ausmacht“ (S. 9), ist sozusagen gleich interessant. Dadurch verliert das Begriffsfeld eine immerhin mögliche Überschaubarkeit.

Fortschritt als „Glaube“, aufgesucht im Strom der Realgeschichte, schwankt und schillert in dem Maß, wie man selbst in den Fluten des Historischen keinen Kurs zu halten versteht, was versachlicht heißt: Erkenntnis und Interesse, durch Habermas’ bekannte Schrift zum „Erkenntnisinteresse“ verbunden, sollten selbstreflexiv zugänglich sein und in der einen oder anderen Form auch thematisiert werden. Die historische Sammelleidenschaft als solche konstituiert noch keine Erkenntnis.

2. Problemfeld: Versachlichtes Referieren und politisch-ethisches Sich-Positionieren
Die Persönlichkeit des Historikers verschwindet meistens hinter dem, was er referiert. Die Zurückhaltung im Hinblick auf das Subjektive und rein Persönliche, gehört zum Berufsethos der Geschichtswissenschaft, und sie ist grundsätzlich sinnvoll und vernünftig, denn es geht um Geschichte, um vergangene Ereignisse und Strukturen und nicht um den Geschichtsschreiber oder die Geschichtsschreiberin.
Aber: In dem Maße wie sich die professionell gebotene Ich-Kontrolle und -Zurückhaltung zur dogmatisierten, quasi besinnungslosen Ich-Verleugnung verformt, wird sie zur Quelle von verschiedenen Unklarheiten, die der Forschung selber abträglich sind. Dabei geht es nicht nur um einzelne subjektive Bewertungen (die, wie Loewenstein treffend vermerkt, unvermeidlich sind), sondern darüber hinaus um persönlich-politische Lebenshaltungen sowie Mentalitätskonstellationen, die in der Geschichte gleichsam festgemacht werden, was nicht weiter schwierig ist, da Geschichte alles beweist, was bewiesen werden soll.
Sehen wir uns zunächst ein Beispiel für die Problematik subjektiver Bewertungen genauer an. Über den Philosophen Karl Jaspers (1883-1969), der ja einiges zur kritischen Bewertung des atomaren Westrüstens beigetragen hat, schreibt Loewenstein (S. 415):
„Jaspers’ vergessene philosophisch-politische Didaktik, von hohem Anspruch und einiger Weitsicht, wenn auch durch einen apodiktisch-belehrenden Gestus schwer genießbar, blieb zwangsläufig in ihrer Wirkung begrenzt. (…) Nicht nur in der DDR denunzierte man den Moralisten als ‚Philosophen des Atomtodes’. Dabei folgte die amerikanische Politik, auch ohne den deutschen Pedanten zur Kenntnis zu nehmen, im Großen und Ganzen dessen Rat.“
Dieser kleine Text [7] strotzt von Abwertungen, die den Rahmen einer skeptischen Grundeinstellung sprengen.

  • Die Reduktion einer umfassenden Existenzphilosophie zur Didaktik entwertet sowohl die Philosophie als auch die Didaktik.
  • Dass Jaspers’ Werk „vergessen“ ist, hält einer genaueren empirischen Überprüfung nicht stand.
  • Das Konzedieren „einiger Weitsicht“ ist gönnerhaft.
  • Die hunderttausendfach verkauften Schriften als „schwer genießbar“ zu qualifizieren ist unkontrollierter Subjektivismus, ebenso, ja noch ätzender, die Qualifizierung Jaspers’ als deutscher „Pedant“.
  • Die Aussage, dass Jaspers „nicht nur in der DDR“ als „Philosoph des Atomtodes“ „denunziert“ worden sei, verirrt sich selbst ins Denunziatorische und schadet damit dem geistig-kommunikativen Vorankommen. Jaspers hatte philosophisch gründliche Reflexionen über die historisch-politischen Auswirkungen der atomaren Vernichtungsmöglichkeit vorgelegt, die Atombombe damit aber nicht gerechtfertigt. Da er die Atomrüstung scharf kritisierte und darüber hinaus die politische Freiheit (in der DDR) für wichtiger hielt als die Wiedervereinigung, hatte er heftigste Kritik ausgelöst.

Ohne zwischen den Zeilen lesen zu müssen, erkennt der Leser und die Leserin meines Textes in dieser Kritik der Kritik, dass ich ein ganz anderes Bild von Karl Jaspers habe und mich über Loewensteins Geringschätzung ärgere. Doch es geht hier nicht um ein emotionalisiertes Pro und Contra, sondern um den Einfluss von Emotionalitäten auf das Sachurteil: In dem Maß, wie das persönliche Ich mit seinen lebensgeschichtlichen Prägungen reflexiv ausgesperrt wird, verdunkelt sich auch der Weg der historischen Erkenntnis. Das ist ein allgemeines Problem der Geschichtsschreibung, und nur wegen dieser allgemeinen Relevanz werden hier spezielle Symptome festgehalten.
Sehen wir uns ergänzend eine Belegstelle für die in der Geschichte verankerte persönlich-politische Lebenshaltung an. Auf Seite 425 fasst Loewenstein Informationen und Reflexionen über Eugen Drewermann [8] sowie Günther Anders [9] zusammen und meint:

„Es kann sinnvoll sein, die Weisheit der Mythen und Märchen, die innere Musik der Dinge, die Ehrfurcht vor allem Leben [10] wieder zu entdecken und der Praxis rücksichtsloser Ausbeutung entgegen zu halten, doch ist das bestenfalls ein Korrektiv am rationalen Telos, der über das Technologische hinaus unser Schicksal bleibt. Wildheit müsse der Kultur weichen, hatte einst Johann Gottliebe Fichte [11] verkündet; es geht nur darum, die ursprüngliche Bedeutung von Kultur als Lebenspflege zu verstehen und das Wagnis des Fortschreitens durch die Rückbindung an unser natürliches wie geschichtliches Erbe abzusichern. [12] Doch ist das zugegeben leichter gesagt als getan.“

Als Leser würde ich gerne über folgende Fragen diskutieren:

  • „Es kann sinnvoll sein…“ Geht das nicht etwas genauer, direkter? Alles „kann“ als sinnvoll (aber auch als sinnlos!) erlebt werden. Was ist sinnvoll in kritisch-selbstkritischer Retrospektive?
  • Soll mit dem „bestenfalls“ angedeutet werden, dass u. a. die „Ehrfurcht vor dem Leben“ in der Regel gar nichts bewirkt?
  • Wäre das Korrektiv am „rationalen Telos“ kein Fortschritt, zumindest im Kleinen? Ist die scheinbar unscheinbare Alternative nichts wert?
  • „Unser Schicksal“: Welches Geschichtsbewusstsein spiegeln das Wort „Schicksal“ und die Wir-Rhetorik?
  • „Es geht nur darum“ oder „Es ginge nur darum“: direkte Rede als Aussage des Buchautors oder indirekte Rede als Aussage Fichtes?

Sachlich-objektivierendes Referieren und persönliches Sich-Positionieren als Subjekt können und sollen selbstverständlich nicht lupenrein von einander getrennt werden. Sie können und sollten aber immer wieder methodologisch und selbstreflexiv evaluiert werden. In der Geschichtswissenschaft ist es oft wohl so, wie Habermas (1994, S. 235) vermerkte: „die verhehlte Selbstreflexion, die der Stein des Anstoßes ist, gibt sich nicht als solche zu erkennen.“ [13]

3. Problemfeld: Fortschritt und Rückschritt
Wie schon durch verschiedene Hinweise zur Geltung gekommen sein dürfte, bringt Loewenstein auch solche Geschichts- und Kulturzeugnisse zur Darstellung, die jeder Fortschrittshoffnung widersprechen (oder vorsichtiger: zu widersprechen scheinen), zum Beispiel Shakespeares radikaler Pessimismus, der einer weit verbreiteten Neigung, im Menschen vor allem das Gute zu sehen, brutal ins Gesicht schlägt (vgl. etwa S. 78 f.). Diese Offenheit gegenüber Materialien, die nicht direkt zum Thema gehören, schützt die Idee des Fortschritts vor einseitigen Festlegungen und stellt interessante Querverbindungen her, mit denen ein gezielt suchender Leser wie der Rezensent nicht rechnet.
Was hat zum Beispiel der französische Merkantilismus mit Fortschritt zu tun, mit Fortschritt im Sinn einer allgemeinen und allgemein verbindlichen Idee, der Loewenstein sozusagen nachjagt? Die Antwort ist desillusionierend.
Jean-Baptiste Colbert (1619-1683), der Finanzminister Ludwigs XVI., habe im Sinn des Merkantilismus zwar alles getan, um Wirtschaftskraft und Bevölkerung Frankreichs anzuheben, im Grunde aber nichts, rein gar nichts angeboten, was die Entwicklung einer „ökonomisch basierten allgemeinen Fortschrittsidee“ (S. 117) zumindest hätte einleiten können.

Neben derartigen Fehlanzeigen kommen auch reale Gefährdungen des Fortschritts zum Ausdruck, zum Beispiel die ruinöse Verschleuderung von Erdressourcen, die Militarisierung der Welt und die Atombombe, die „Sackgassen“ des 20. Jahrhunderts (Faschismus, Kommunismus), der illusionäre Glaube an die totale Formbarkeit des Menschen, um nur einiges zu nennen.

Diese Befunde entbinden unausweichlich die stärksten Zweifel an einem Fortschrittsglauben, der Leitbegriffe wie Vernunft, Gerechtigkeit sowie „gutes Leben“ umkreist, und ich denke, dass die Konfrontation mit den Rückschritten der Geschichte, vor allem mit dem durch die Nationalsozialisten inszenierten „Zivilisationsbruch“ (Diner, Dan (Hrsg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Fischer, Frankfurt/Main 1988) radikal erfolgen muss, ohne einerseits und andererseits.

Wenn schon Negativbefunde und andere Materialien, die nicht direkt zum Thema gehören, aufgenommen werden, dann hätte selbstverständlich auch und gerade der Holocaust berücksichtigt werden müssen; denn es gibt keinen realhistorischen Zusammenhang, der dem Fortschrittsdenken brutaler ins Gesicht geschlagen hätte (vgl. dazu Traverso, Enzo: Auschwitz denken. Die Intellektuellen und die Shoah. Hamburger Edition, Hamburg 2000). Auch und gerade wegen der totalen Rückschrittlichkeit des Nationalsozialismus, der ja die bisherigen ethisch-politischen Fortschritte abbrechen und für immer verhindern wollte, wären einige Informationen und Reflexionen zu diesem Bereich notwendig gewesen, und zwar nicht nur wegen der totalen Negation des Menschlichkeit als unerlässliches Bindemittel der menschlich-sozialen Fortschritts in der Geschichte, sondern auch wegen der Persistenz eben dieser Menschlichkeit „im Kleinen“, die auch in der zur Gesellschaftsstruktur erhobenen Lagerstruktur von Auschwitz nicht völlig ausgelöscht werden konnte. Die Straße der Gerechten in Yad Vashem ist ein Beleg für Macht und Würde des menschlich-ethischen Potentials, das der weiteren weltweiten Förderung bedarf, in allen Zusammenhängen des Lebens.

4. Problemfeld: Können wir der Geschichte entnehmen, was Fortschritt ist?
Die möglicherweise Ärger und Widerspruch auslösende Antwort auf die Frage der letzten Zwischenüberschrift lautet: Nein, den Quellen als solchen können wir nicht entnehmen, was Fortschritt ist. Die Geschichte spricht ja nicht von sich aus. Wir müssen sie zum Sprechen bringen. Sie lehrt, was wir lernen wollen und lernen können. Es kommt auf unsere Fragen an, auf unsere eigene Einstellung. Ohne persönliche Gewissheiten können wir der Geschichte nicht entnehmen, was Fortschritt ist oder sein sollte.

Persönliche Gewissheiten zu erlangen, das war nicht Loewensteins Absicht beim Verfassen des Buches, könnte man hier einwenden. Er wollte vielmehr historiographisch die Vielfalt von Äußerungen zum Fortschrittsglauben aufzeichnen, die im Sowjetkommunismus diffamiert und verdrängt wurden. Richtig, aber das ist nur die intentional-offizielle Seite des Buches, so wie es sich mit Titel und Vorwort selbst darstellt. Subtext und Argumentationsstruktur des Ganzen sind im Unterschied dazu eine einzige existenzielle Suche nach der erlösenden Aussicht auf einen gesicherten Fortschritt im Ganzen, zumindest als Idee und Konzept.

Der Autor betont im Vorwort, dass es nicht „in erster Linie um Existenzielles“ gehe (S. 8), und räumt damit indirekt ein, dass das Existenzielle „in zweiter Linie“ seinen Einfluss ausgeübt habe. Psychoanalytisch ist das, was als zweitrangig oder gar als unwichtig zunächst beiseite geschoben wird, von besonderem Interesse und meistens strukturbildend im Prozess des Bewusstwerdens.

In der unabschließbaren Suche nach eigenen Gewissheiten habe ich es als interdisziplinär arbeitender Geschichtsdidaktiker leichter als ein interdisziplinär arbeitender Historiker, der weniger den Lernenden, ihrer Entwicklung und ihrer Zukunft als vielmehr der Vielschichtigkeit historischer Wahrheit verpflichtet ist. Unabhängig von Fortschrittskonzeptionen in der Geschichte muss der Pädagoge menschlich-kommunikativen Fortschritt praktizieren, wenn er seinen Beruf nicht verfehlen soll.

5. Problemfeld: „Amorphe Vieldeutigkeit“ oder Die Überforderung des Historikers durch Geschichte
Überwältigt von der schamvollen Kapitulation, dem Elend der Nachkriegszeit und den Horrornachrichten über die von Deutschen verübten Verbrechen, fragten sich Historiker nach 1945, allen voran Hermann Heimpel (1901-1988), ob es nicht konsequent und der Problemlage angemessen wäre, auch politisch und moralisch zu kapitulieren, das heißt: vor der Geschichte als Übermacht die Waffen des Historikers zu strecken und zu sagen: Unsere Kräfte reichen nicht aus, um die katastrophale Entwicklung zu verstehen und retrospektiv zu ordnen und damit gleichzeitig einen neuen Weg in die Zukunft zu eröffnen.

Heimpel selbst hat die Möglichkeit einer Kapitulation vor der Geschichte leidenschaftlich zurückgewiesen [14] und sich statt ihrer bekanntlich die „Bewältigung“ der Geschichte eingefordert. [15] Im Abstand von rund sechzig Jahren kann man sagen, dass dieses Unternehmen von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Das war einigen Zeitgenossen ziemlich schnell klar, andere halten bis heute an der Illusion fest, dass man Geschichte retrospektiv sozusagen beherrschen und im Griff haben könne. Die Überforderung der Historiker durch Geschichte ist nach wie vor ein Thema, wenn auch oft nur als Subtext zwischen den Zeilen.

Werfen wir dazu noch einen Blick auf einen Beitrag Loewensteins für Ernst Nolte, [16] der 1993 sein siebzigstes Lebensjahr vollendete und mit einer Festschrift geehrte wurde. Loewnsteins Text in dieser Festschrift beginnt folgendermaßen:

„Eine angemessene historische Standortbestimmung des Nationalsozialismus (ebenso wie des Faschismus und Kommunismus) war immer schwierig wegen der emotionalen und ideologisch-politischen Implikationen; [17] nicht weniger schwierig erweist sich die Aufgabe infolge der unterschiedlichen Forschungsansätze, die bald die ‚Bewegung’, bald das Herrschaftssystem im Auge haben, bald die Eigeninterpretation der Protagonisten, bald den alltagsgeschichtlichen und ökonomischen Hintergrund. Es versteht sich von selbst, dass wir zu verschiedenen Bildern des Nationalsozialismus gelangen, wenn wir Hitlers paranoiden Judenhass und die bürokratische Mordmaschinerie in den Vordergrund rücken oder etwa die Tätigkeit des Arbeitswissenschaftlichen Instituts von Leys DAF; analog variiert das Verständnis des Stalinismus zwischen sibirischen Straflagern, Zwangskollektivierungen und beschleunigter Industrialisierung bzw. Statistiken von Hochschulabsolventen.
Das Gesamtbild beider inzwischen als gescheitert zu betrachtenden Diktaturen droht angesichts der Fülle von Einzelstudien, insbesondere über die deutsche Variante, in amorphe Vieldeutigkeit umzuschlagen…“

Amorphe Vieldeutigkeit als Diagnose auf der Objektebene des Geschehens heißt, in Ich- (bzw. Wir-)Aussagen übersetzt: Geschichte ist mehr, weit mehr, als ich ordnen, verstehen, deuten und damit auch gedanklich „bewältigen“ kann. Wir Menschen richten mehr an, als wir Historiker retrospektiv regulieren können. Besonders das 20. Jahrhundert mit seinen Massenmord-Orgien und den blindwütigen Grabenkämpfen der wechselseitigen ideologischen Vernichtung übersteigt die Möglichkeiten unseres Verstehens und die bisher üblichen Muster der Erklärung. Wer hat Recht? Was ist gut und richtig? Was ist böse und falsch?

Ein Symptom für die generelle Unsicherheit ist die Tatsache, dass Loewenstein - wie auch andere Autoren der genannten Festschrift - sich inhaltlich nicht mehr mit der Vergangenheit oder exemplarisch ausgewählten Vergangenheitssegmenten als solchen beschäftigen, sondern mit historiographischen Deutungsbegriffen (z.B. NS als Revolution, Modernisierung), um diese mit Fragezeichen versehen zu können (vgl. Titel des Loewenstein-Beitrages: "Nationalsozialistische Revolution. Einige Fragezeichen zur historischen Begrifflichkeit"). Kein Begriff und kein einzelner Befund können den Nationalsozialismus insgesamt erklären. Das ist wahr, aber auf den einen erlösenden Begriff wartet ja auch niemand – oder doch?

Das Fazit am Ende des Textes lautet (S. 131): „Aus Krieg und Krise entstanden, weist sie [die nationalsozialistische Diktatur] allein auf diese zurück.“

Das ist nicht mehr vieldeutig, sondern (mit dem Adverb allein in der Bedeutung von nur) apodiktisch eindeutig: Eine durch politisches Handeln verursachte Katastrophe (der Erste Weltkrieg) verursacht die nächste größere Katastrophe (der NS mit seinen apokalyptischen Handlungskonsequenzen) – nur das, das „allein“, mache die Geschichte aus. Mehr könne man nicht sagen.

Gegenüber diesem Oszillieren zwischen einer Haltung der docta ignorantia [18] und einem Insistieren auf der nur sich selbst verantwortlichen Geschichte möchte ich abschließend für konfrontative, sachkompetente und wissenschaftskritische Auseinandersetzungen mit Knotenpunkten des historischen Geschehens plädieren, die das psychohistorische Involviertsein der eigenen Person nicht ausklammern, sondern Gegenteil als einen der Knotenpunkte verstehen und dementsprechend fragen: Was ist mir eigentlich warum wichtig?

Eine Antwort auf diese Frage setzt einen Grundstein für die Entwicklung weiterer Sicherheiten.

Peter Schulz-Hageleit

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Internetseite des Verlags: V&R unipress - Informationen des Verlages über den Autor: Bedřich Loewenstein

Informationen über den Autor (tschechisch): Bedřich Loewenstein (Masaryk-Universität, Brünn / Masarykova univerzita, Brno)

Anmerkungen:

[1] Vgl. als weiteren Beleg S. 324 über ins Auge gefassten „authentische Idee des Fortschritts“ bei Droysen.

[2] An dieser Stelle verweist Fußnote Nr. 365 auf einen Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT.

[3] „Der“ Fortschritt müsste ebenso pluralisiert werden wie „die“ Geschichte: Darin besteht wohl Einigkeit. Ausführlicher zur Gesamtthematik Koselleck im Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe: Koselleck, Reinhart: Fortschritt. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Hrsg. von Otto Brunner (u. a.). Klett-Cotta, Stuttgart 1975, Bd. 2S. 351-423.

[4] Sprachlich nicht ganz korrekt; gemeint ist wohl: ...und neue Probleme schaffen, anstatt statt die alten Probleme zu lösen.

[5] Wie an Textstellen mit Ausdrücken wie „authentischer“ oder „eigentlicher“ Fortschritt schon nachgewiesen wurde, bleibt „der Fortschritt an sich“ eine sprachliche Chiffre, die sich der inhaltlichen Festlegung weitgehend entzieht.

[6] Der Unterschied zwischen „dem“ Fortschritt als singulärem Sammelbegriff und dem eine Bewegung des Geistes ausdrückenden Verb „Fortschreiten“, das bei früheren Fortschrittsdenkern wie Schiller gang und gäbe war, habe ich in meiner Abhandlung für die Formulierung einer pädagogisch-didaktischen Leitidee genutzt.

[7] Eine ausgewogene Analyse und Bewertung der gesamten, mehrere Seiten umfassenden Loewenstein-Ausführungen über Jaspers (etwa im Sinn der tiefenhermeneutischen Textanalyse von Hans-Dieter König: George Bush und der fanatische Krieg gegen den Terrorismus. Eine psychoanalytische Studie zum Autoritarismus in Amerika. Psychosozial-Verlag, Gießen 2008) ist hier weder nötig noch möglich. Eine psychohistorische Alternative zu Loewensteins Argumentationsform findet sich in meinem Buch von 2008.

[8] Drewermann, geb. 1940, früher Mitglied und Priester der katholischen Kirche, machte sich als rückhaltloser Kritiker der vatikanischen Kirchenpolitik einen Namen. 1990 veröffentlichte er das Buch Der tödliche Fortschritt, 2005 trat er aus der Kirche aus.

[9] Anders (1902-1992) arbeitete mit der These, dass der Mensch zum Anhängsel der Maschine geworden und insofern als Spezies überholt („antiquiert“) sei. Die Atombombe schwebe wie ein apokalyptisches Damokles-Schwert über der Menschheit, die damit ihrer eigentlichen Freiheitsmöglichkeiten beraubt sei.

[10] Mit dem Stichwort Ehrfurcht vor dem Leben wird ein weiterer bedeutender Protagonist des lebensgeschichtlich verinnerlichten Fortschritts gleichsam zwischen den Zeilen eingefügt, nämlich Albert Schweitzer (1875-1965).

[11] Loewenstein ist an dieser Textstelle mit seiner narrativ-reflexiven Erzählung längst im 20. Jahrhundert angekommen. Der Rückverweis auf Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) illustriert die eingangs festgestellte Fähigkeit, Problemzusammenhänge über die Distanz der Jahrhunderte hinweg auf den Punkt zu bringen. Die unter europäischen Aufklärern, angeführt von Immanuel Kant, weit verbreitete Geringschätzung der „Wilden“ (schon das Wort verweist auf rassistische Hintergründe) bedürfte im Hinblick auf die Fragwürdigkeit europäischer Fortschrittsaspirationen jedoch einer gesonderten Erörterung, die Loewenstein bewusst außen vor gelassen hat (vgl. Vorwort).

[12] An dieser Stelle gibt Loewenstein weitere Referenzen an (Fußnote 334), die dafür plädieren, das richtige Maß zu finden.

[13] Habermas’ Fortschrittsidee im Rahmen einer kritischen Theorie der Gesellschaft hat Matthias Iser untersucht (Iser, Mattias: Empörung und Fortschritt. Grundlagen einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Campus, Frankfurt/Main, New York 2008.). Zu Isers Buch habe ich ebenfalls eine Rezension verfasst.

[14] Heimpel: Kapitulation vor der Geschichte? 1956.- Psychohistorisch ist die emphatische Zurückweisung der geistigen Kapitulation vor Geschichte mit dem Vertrag von Versailles zu korrelieren, der kollektiv beißende Schamgefühle und bei Hitler darüber hinaus die Zwangsvorstellung ausgelöst hatte, dass Deutschland um keinen Preis noch einmal kapitulieren dürfe, sondern bis zum siegreichen Ende kämpfen oder untergehen müsse.

[15] Über Hermann Heimpel und andere westdeutsche Historiker hat Nicolas Berg 2003 eine informationsreiche und deutungsscharfe Untersuchung vorgelegt.

[16] Zur Erinnerung: Ernst Nolte hatte 1986 in einem Artikel für die FAZ u. a. die These vertreten, dass der Gulag „ursprünglicher“ sei als Auschwitz und damit den Historikerstreit ausgelöst.

[17] Hier findet sich eine erste Fußnote mit Literaturhinweisen. Der vergleichsweise knappe Text von neun Seiten hat 42 Anmerkungen, die quantitativ fast ebenso umfangreich sind wie der laufende Text.

[18] Docta ignorantia: Hauptwerk des Nikolaus von Kues und zugleich Motiv seines ganzen Denkens (Brockhaus). Die Übertragung einer theologisch-philosophischen Denkfigur aus dem 14. Jahrhundert auf heute ist inhaltlich riskant, weil Gott als der frühere Geschichtslenker wissenschaftlich sozusagen ausfällt.

weitere Literaturhinweise:

Demandt, Alexander: Fortschritt. In: Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe. Reclam, Stuttgart 2007, S. 94-97.

Habermas, Jürgen: Erkenntnis und Interesse. Mit einem neuen Vorwort. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1994 (11. Auflage).

Jaspers, Karl: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Fischer, Frankfurt/Main 1955 (Erstdruck 1949).

Ders.: Hoffnung und Sorge. Schriften zur deutschen Politik 1945 – 1965. Piper, München 1965.

Ders.: Die Atombombe und die Zukunft des Menschen. München 1983 (7. Auflage).

Ders.: Wohin treibt die Bundesrepublik? Piper, München 1988 (10. Auflage).

Schulz-Hageleit, Peter: Menschlicher Fortschritt – gibt es den überhaupt? Geschichte – Ethos – Bildung. Centaurus. Herbolzheim 2008.

White, Hayden: Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses. Klett, Stuttgart 1986, als Greifbuch 1991.

Wright, Ronald: Eine kurze Geschichte des Fortschritts. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006.

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