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Prof. (em.) Dr. Peter Schulz-Hageleit,
Können wir der Geschichte entnehmen, Eine Auseinandersetzung mit: Bědrich Loewenstein,
Der Fortschrittsglaube. V&R unipress, Göttingen 2009. |
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Was für ein Buch!
Ein Indiz für die textimmanente Spannung
ist das synonyme Nebeneinander von Titel und Untertitel: Glaube und Idee
werden als ein und dasselbe abgehandelt, was um der geistes- und
kulturgeschichtlichen Klarheit willen sprachlich besser nicht sein sollte.
Methodologisch vermerkt Loewenstein leider nur sehr knapp (S. 8), dass er sich als interdisziplinär arbeitender Historiker verstehe, nicht als systematischer Philosoph. Das Interdisziplinäre hätte einige präzisierende Bemerkungen verdient, denn es ist gerade in den letzten Jahren immer wieder Gegenstand verschiedener Symposien gewesen, man denke nur an die Bedeutung der Hirnforschung auch für die Geschichtswissenschaft (43. Historikertag im Jahr 2000), an die breite Diskussion über den konstruktivistischen Charakter unseres Denkens und an die „Fiktion des Faktischen“, auf das uns Hayden White 1986/1991 aufmerksam gemacht hat. Das Buch endet mit einem
bibliographisch-theoretischen Essay, der die Einschätzung des Autors zu
einigen der von ihm durchgearbeiteten Werke im Kontext der eigenen
Argumentationslinie enthält. Hier werden themenrelevante Autoren wie Karl
Löwith, Jan Romein, Ernst Bloch, Reinhart Koselleck, Jacques Derrida,
Hermann Lübbe bis hin zu einem Artikel in
DIE ZEIT (Thomas Assheuer 2005)
kurz vorgestellt, was noch einmal die Gelehrsamkeit des ganzen Buches
dokumentiert, aber auch die Schwierigkeit des Gelehrten, im Meer der
geistesgeschichtlichen Blüten das eine oder andere Exemplar etwas
deutlicher zur Geltung zu bringen und zu würdigen. Weniger wäre mehr
gewesen. I. Präfigurationen (1. und 2.
Kapitel) II. Bausteine einer Moderne (3.-5.
Kapitel) III. Die neuen Mächte (6. und 7.
Kapitel) IV. Aufklärung und Revolution (8.-11.
Kapitel) V. Das Zeitalter der Industrie und
Demokratie (12.-17. Kapitel) S. 221: „Und da [in der nachrevolutionären Zeit] war schließlich die Erkenntnis aufgekommen, dass für echten Fortschritt [1] ein Element der Bewahrung und kulturellen Kontinuität von einiger Bedeutung war, sollte man nicht ungewollt von idealistischen Höhenflügen in Chaos und allzu menschliche Niederungen abstürzen.“ S. 240: „Um Vernunft in die Geschichte zu bringen, bedarf es des Lernens aus Fehlern, doch dieser produktive Umgang mit Vergangenheit, wird von Hegel gerade verworfen.“ Hegel habe eine Forschrittsebene eingeführt, „die unabhängig ist vom Bewusstsein der handelnden Menschen. Tatsächlich sind sich die Zeitgenossen nur selten des historischen Orts ihrer Gegenwart bewusst bzw. einig in ihrer Einschätzung, und halten für Fortschritt, was zur Destruktion, und für ein Unglück, was sich als produktiver Schub erweisen wird.“ Besonders das letzte Zitat illustriert den historiographischen Schwebezustand der Darstellung: Menschlich bewusstes Lernen aus Fehlern als notwendiges Element des Fortschritts und ein vom Bewusstsein unabhängiges Fortschreiten der Vernunft in der Geschichte stehen relativ unverbunden neben, ja im Grunde sogar gegeneinander. Dem entsprechend schillert auch die Bewertung der Menschenrechte, die Loewenstein offenbar gerne zur Ultima Ratio erheben möchte, historiographisch-skeptisch aber doch wieder relativiert: S. 318 f.: „Die heutige Besinnung auf den unhistorischen Codex allgemeiner Menschen- und Bürgerrechte kann gewiss als didaktisches Lernergebnis von zwei mörderischen Weltkriegen betrachtet werden. Aber ihre Anerkennung kam nicht einfach aufgrund gewachsener Einsicht in naturgesetzliche Zusammenhänge. (…) Die Freiheit des individuellen Gewissens als ihr konstitutiver Kern war keine Konzession einer Regierung, sondern galt als das Geschenk einer überirdischen Macht [tatsächlich?]. Ohne metaphysisch-naturrechtliche, ‚letztbegründende’ Gewissheit, waren die Menschenrechte immer noch eine kantische regulative Idee, gewissermaßen eine nützliche Fiktion, deren Ratio die Selbstbehauptung des moralischen Sollens bildete. Ohne diesen Kompass drohte dem Fortschritt der Verlust des Maßstabs“ (vgl. auch S. 356 über „Menschenrechtsideologie“). Scheinbar nebensächliche Redewendungen wie
„immer noch“ und „immer noch nicht“ sowie „echt“ und „authentisch“ fordern
zu einer „psychoanalytisch-tiefenhermeneutischen“ Textanalyse (König
2008), die hier aber nicht geleistet werden kann. VI. Ein Rückblick auf das 20.
Jahrhundert (18.-21. Kapitel) Der Fortschritt – Ein
bibliographisch-theoretischer Essay Das Ganze ergab 450 Textseiten (im Format
des Großen Brockhaus), dazu der schon erwähnte Personen-Index (mit
dreizehn Seiten), der die Eignung des Werkes als Nachschlagewerk steigert.
Wahrscheinlich aus Platz- und Kostengründen wurde auf das ansonsten
übliche Literaturverzeichnis verzichtet, eine durchaus vertretbare
Entscheidung; denn welcher heutige Leser wäre bereit und fähig, zur
Vervollständigung des Kontextes etwa tschechische Autoren im Original
nachzulesen. 1. Problemfeld: Fortschritt als Begriff,
Begriffsfeld und Konstrukt Loewenstein übersieht das Problem der Inhaltsvarianten im Begriff Fortschritt keineswegs, aber (wie in der Inhaltsübersicht schon angemerkt wurde) er erörtert es nicht methodologisch-systematisch, sondern eher beiläufig dort, wo es der Chronologie nach hinzugehören scheint, etwa zum Beginn des 17. Kapitels (S. 319), wo es heißt: „Der Verdacht war alt, dass die Singularisierung des Fortschrittsbegriffs eine fragwürdige Verallgemeinerung darstellt. [3] Abgesehen davon, dass alle Neuerungen unvorhergesehene Nebenwirkungen aufweisen und statt der alten Probleme neue schaffen, [4] summieren sich die Einzelfortschritte nicht automatisch zu einem harmonischen Gesamtergebnis, dem ‚Fortschritt an sich’. [5] Der Wille zum Fortschreiten [6] geht aus von einer aktuellen Sicht der Dinge, von empfundenen Übeln und der optimistischen Erwartung ihrer Behebung, er beruht aber auf keinem zwingenden objektiven Zusammenhang, sondern auf subjektivem Selbstvertrauen und einem Werturteil, das das Neue dem Alten vorzieht; es ist oft Kampfbegriff, der seinen Anspruch gegen andere Wertbezüge absolut setzt.“ In der geradezu panischen Abwehr des Fortschritts als „Kampfbegriff, der seinen Anspruch gegen andere Wertbezüge absolut setzt“, wagt Loewenstein es offenbar nicht, eigene Wertbezüge bewusst einzubringen, Akzente und Prioritäten zu setzen, als wenn das die Seriosität des Unternehmens beschädigen und der Idee des Fortschritts Gewalt antun könnte. Alles in dieser endlosen „Reihe von trial and error, die nicht zuletzt die eigentliche europäische Identität ausmacht“ (S. 9), ist sozusagen gleich interessant. Dadurch verliert das Begriffsfeld eine immerhin mögliche Überschaubarkeit. Fortschritt als „Glaube“, aufgesucht im Strom der Realgeschichte, schwankt und schillert in dem Maß, wie man selbst in den Fluten des Historischen keinen Kurs zu halten versteht, was versachlicht heißt: Erkenntnis und Interesse, durch Habermas’ bekannte Schrift zum „Erkenntnisinteresse“ verbunden, sollten selbstreflexiv zugänglich sein und in der einen oder anderen Form auch thematisiert werden. Die historische Sammelleidenschaft als solche konstituiert noch keine Erkenntnis. 2. Problemfeld: Versachlichtes
Referieren und politisch-ethisches Sich-Positionieren
Ohne zwischen den Zeilen lesen zu müssen,
erkennt der Leser und die Leserin meines Textes in dieser Kritik der
Kritik, dass ich ein ganz anderes Bild von Karl Jaspers habe und mich über
Loewensteins Geringschätzung ärgere. Doch es geht hier nicht um ein
emotionalisiertes Pro und Contra, sondern um den Einfluss von
Emotionalitäten auf das Sachurteil: In dem Maß, wie das persönliche Ich
mit seinen lebensgeschichtlichen Prägungen reflexiv ausgesperrt wird,
verdunkelt sich auch der Weg der historischen Erkenntnis. Das ist ein
allgemeines Problem der Geschichtsschreibung, und nur wegen dieser
allgemeinen Relevanz werden hier spezielle Symptome festgehalten. „Es kann sinnvoll sein, die Weisheit der Mythen und Märchen, die innere Musik der Dinge, die Ehrfurcht vor allem Leben [10] wieder zu entdecken und der Praxis rücksichtsloser Ausbeutung entgegen zu halten, doch ist das bestenfalls ein Korrektiv am rationalen Telos, der über das Technologische hinaus unser Schicksal bleibt. Wildheit müsse der Kultur weichen, hatte einst Johann Gottliebe Fichte [11] verkündet; es geht nur darum, die ursprüngliche Bedeutung von Kultur als Lebenspflege zu verstehen und das Wagnis des Fortschreitens durch die Rückbindung an unser natürliches wie geschichtliches Erbe abzusichern. [12] Doch ist das zugegeben leichter gesagt als getan.“ Als Leser würde ich gerne über folgende Fragen diskutieren:
Sachlich-objektivierendes Referieren und persönliches Sich-Positionieren als Subjekt können und sollen selbstverständlich nicht lupenrein von einander getrennt werden. Sie können und sollten aber immer wieder methodologisch und selbstreflexiv evaluiert werden. In der Geschichtswissenschaft ist es oft wohl so, wie Habermas (1994, S. 235) vermerkte: „die verhehlte Selbstreflexion, die der Stein des Anstoßes ist, gibt sich nicht als solche zu erkennen.“ [13] 3. Problemfeld: Fortschritt und
Rückschritt Neben derartigen Fehlanzeigen kommen auch reale Gefährdungen des Fortschritts zum Ausdruck, zum Beispiel die ruinöse Verschleuderung von Erdressourcen, die Militarisierung der Welt und die Atombombe, die „Sackgassen“ des 20. Jahrhunderts (Faschismus, Kommunismus), der illusionäre Glaube an die totale Formbarkeit des Menschen, um nur einiges zu nennen. Diese Befunde entbinden unausweichlich die stärksten Zweifel an einem Fortschrittsglauben, der Leitbegriffe wie Vernunft, Gerechtigkeit sowie „gutes Leben“ umkreist, und ich denke, dass die Konfrontation mit den Rückschritten der Geschichte, vor allem mit dem durch die Nationalsozialisten inszenierten „Zivilisationsbruch“ (Diner, Dan (Hrsg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Fischer, Frankfurt/Main 1988) radikal erfolgen muss, ohne einerseits und andererseits. Wenn schon Negativbefunde und andere Materialien, die nicht direkt zum Thema gehören, aufgenommen werden, dann hätte selbstverständlich auch und gerade der Holocaust berücksichtigt werden müssen; denn es gibt keinen realhistorischen Zusammenhang, der dem Fortschrittsdenken brutaler ins Gesicht geschlagen hätte (vgl. dazu Traverso, Enzo: Auschwitz denken. Die Intellektuellen und die Shoah. Hamburger Edition, Hamburg 2000). Auch und gerade wegen der totalen Rückschrittlichkeit des Nationalsozialismus, der ja die bisherigen ethisch-politischen Fortschritte abbrechen und für immer verhindern wollte, wären einige Informationen und Reflexionen zu diesem Bereich notwendig gewesen, und zwar nicht nur wegen der totalen Negation des Menschlichkeit als unerlässliches Bindemittel der menschlich-sozialen Fortschritts in der Geschichte, sondern auch wegen der Persistenz eben dieser Menschlichkeit „im Kleinen“, die auch in der zur Gesellschaftsstruktur erhobenen Lagerstruktur von Auschwitz nicht völlig ausgelöscht werden konnte. Die Straße der Gerechten in Yad Vashem ist ein Beleg für Macht und Würde des menschlich-ethischen Potentials, das der weiteren weltweiten Förderung bedarf, in allen Zusammenhängen des Lebens. 4. Problemfeld: Können wir der Geschichte entnehmen, was Fortschritt ist? Persönliche Gewissheiten zu erlangen, das war nicht Loewensteins Absicht beim Verfassen des Buches, könnte man hier einwenden. Er wollte vielmehr historiographisch die Vielfalt von Äußerungen zum Fortschrittsglauben aufzeichnen, die im Sowjetkommunismus diffamiert und verdrängt wurden. Richtig, aber das ist nur die intentional-offizielle Seite des Buches, so wie es sich mit Titel und Vorwort selbst darstellt. Subtext und Argumentationsstruktur des Ganzen sind im Unterschied dazu eine einzige existenzielle Suche nach der erlösenden Aussicht auf einen gesicherten Fortschritt im Ganzen, zumindest als Idee und Konzept. Der Autor betont im Vorwort, dass es nicht „in erster Linie um Existenzielles“ gehe (S. 8), und räumt damit indirekt ein, dass das Existenzielle „in zweiter Linie“ seinen Einfluss ausgeübt habe. Psychoanalytisch ist das, was als zweitrangig oder gar als unwichtig zunächst beiseite geschoben wird, von besonderem Interesse und meistens strukturbildend im Prozess des Bewusstwerdens. In der unabschließbaren Suche nach eigenen Gewissheiten habe ich es als interdisziplinär arbeitender Geschichtsdidaktiker leichter als ein interdisziplinär arbeitender Historiker, der weniger den Lernenden, ihrer Entwicklung und ihrer Zukunft als vielmehr der Vielschichtigkeit historischer Wahrheit verpflichtet ist. Unabhängig von Fortschrittskonzeptionen in der Geschichte muss der Pädagoge menschlich-kommunikativen Fortschritt praktizieren, wenn er seinen Beruf nicht verfehlen soll. 5. Problemfeld: „Amorphe Vieldeutigkeit“
oder Die Überforderung des Historikers durch Geschichte Heimpel selbst hat die Möglichkeit einer Kapitulation vor der Geschichte leidenschaftlich zurückgewiesen [14] und sich statt ihrer bekanntlich die „Bewältigung“ der Geschichte eingefordert. [15] Im Abstand von rund sechzig Jahren kann man sagen, dass dieses Unternehmen von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Das war einigen Zeitgenossen ziemlich schnell klar, andere halten bis heute an der Illusion fest, dass man Geschichte retrospektiv sozusagen beherrschen und im Griff haben könne. Die Überforderung der Historiker durch Geschichte ist nach wie vor ein Thema, wenn auch oft nur als Subtext zwischen den Zeilen. Werfen wir dazu noch einen Blick auf einen Beitrag Loewensteins für Ernst Nolte, [16] der 1993 sein siebzigstes Lebensjahr vollendete und mit einer Festschrift geehrte wurde. Loewnsteins Text in dieser Festschrift beginnt folgendermaßen: „Eine angemessene historische Standortbestimmung des Nationalsozialismus
(ebenso wie des Faschismus und Kommunismus) war immer schwierig wegen der
emotionalen und ideologisch-politischen Implikationen;
[17] nicht weniger
schwierig erweist sich die Aufgabe infolge der unterschiedlichen
Forschungsansätze, die bald die ‚Bewegung’, bald das Herrschaftssystem im
Auge haben, bald die Eigeninterpretation der Protagonisten, bald den
alltagsgeschichtlichen und ökonomischen Hintergrund. Es versteht sich von
selbst, dass wir zu verschiedenen Bildern des Nationalsozialismus
gelangen, wenn wir Hitlers paranoiden Judenhass und die bürokratische
Mordmaschinerie in den Vordergrund rücken oder etwa die Tätigkeit des
Arbeitswissenschaftlichen Instituts von Leys DAF; analog variiert das
Verständnis des Stalinismus zwischen sibirischen Straflagern,
Zwangskollektivierungen und beschleunigter Industrialisierung bzw.
Statistiken von Hochschulabsolventen. Amorphe Vieldeutigkeit als Diagnose auf der Objektebene des Geschehens heißt, in Ich- (bzw. Wir-)Aussagen übersetzt: Geschichte ist mehr, weit mehr, als ich ordnen, verstehen, deuten und damit auch gedanklich „bewältigen“ kann. Wir Menschen richten mehr an, als wir Historiker retrospektiv regulieren können. Besonders das 20. Jahrhundert mit seinen Massenmord-Orgien und den blindwütigen Grabenkämpfen der wechselseitigen ideologischen Vernichtung übersteigt die Möglichkeiten unseres Verstehens und die bisher üblichen Muster der Erklärung. Wer hat Recht? Was ist gut und richtig? Was ist böse und falsch? Ein Symptom für die generelle Unsicherheit ist die Tatsache, dass Loewenstein - wie auch andere Autoren der genannten Festschrift - sich inhaltlich nicht mehr mit der Vergangenheit oder exemplarisch ausgewählten Vergangenheitssegmenten als solchen beschäftigen, sondern mit historiographischen Deutungsbegriffen (z.B. NS als Revolution, Modernisierung), um diese mit Fragezeichen versehen zu können (vgl. Titel des Loewenstein-Beitrages: "Nationalsozialistische Revolution. Einige Fragezeichen zur historischen Begrifflichkeit"). Kein Begriff und kein einzelner Befund können den Nationalsozialismus insgesamt erklären. Das ist wahr, aber auf den einen erlösenden Begriff wartet ja auch niemand – oder doch? Das Fazit am Ende des Textes lautet (S. 131): „Aus Krieg und Krise entstanden, weist sie [die nationalsozialistische Diktatur] allein auf diese zurück.“ Das ist nicht mehr vieldeutig, sondern (mit dem Adverb allein in der Bedeutung von nur) apodiktisch eindeutig: Eine durch politisches Handeln verursachte Katastrophe (der Erste Weltkrieg) verursacht die nächste größere Katastrophe (der NS mit seinen apokalyptischen Handlungskonsequenzen) – nur das, das „allein“, mache die Geschichte aus. Mehr könne man nicht sagen. Gegenüber diesem Oszillieren zwischen einer Haltung der docta ignorantia [18] und einem Insistieren auf der nur sich selbst verantwortlichen Geschichte möchte ich abschließend für konfrontative, sachkompetente und wissenschaftskritische Auseinandersetzungen mit Knotenpunkten des historischen Geschehens plädieren, die das psychohistorische Involviertsein der eigenen Person nicht ausklammern, sondern Gegenteil als einen der Knotenpunkte verstehen und dementsprechend fragen: Was ist mir eigentlich warum wichtig? Eine Antwort auf diese Frage setzt einen Grundstein für die Entwicklung weiterer Sicherheiten. Links: Internetseite des Verlags: V&R unipress - Informationen des Verlages über den Autor: Bedřich Loewenstein Informationen über den Autor (tschechisch): Bedřich Loewenstein (Masaryk-Universität, Brünn / Masarykova univerzita, Brno) Anmerkungen: [1] Vgl. als weiteren Beleg S. 324 über ins Auge gefassten „authentische Idee des Fortschritts“ bei Droysen. [2] An dieser Stelle verweist Fußnote Nr. 365 auf einen Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT. [3] „Der“ Fortschritt müsste ebenso pluralisiert werden wie „die“ Geschichte: Darin besteht wohl Einigkeit. Ausführlicher zur Gesamtthematik Koselleck im Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe: Koselleck, Reinhart: Fortschritt. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Hrsg. von Otto Brunner (u. a.). Klett-Cotta, Stuttgart 1975, Bd. 2S. 351-423. [4] Sprachlich nicht ganz korrekt; gemeint ist wohl: ...und neue Probleme schaffen, anstatt statt die alten Probleme zu lösen. [5] Wie an Textstellen mit Ausdrücken wie „authentischer“ oder „eigentlicher“ Fortschritt schon nachgewiesen wurde, bleibt „der Fortschritt an sich“ eine sprachliche Chiffre, die sich der inhaltlichen Festlegung weitgehend entzieht. [6] Der Unterschied zwischen „dem“ Fortschritt als singulärem Sammelbegriff und dem eine Bewegung des Geistes ausdrückenden Verb „Fortschreiten“, das bei früheren Fortschrittsdenkern wie Schiller gang und gäbe war, habe ich in meiner Abhandlung für die Formulierung einer pädagogisch-didaktischen Leitidee genutzt. [7] Eine ausgewogene Analyse und Bewertung der gesamten, mehrere Seiten umfassenden Loewenstein-Ausführungen über Jaspers (etwa im Sinn der tiefenhermeneutischen Textanalyse von Hans-Dieter König: George Bush und der fanatische Krieg gegen den Terrorismus. Eine psychoanalytische Studie zum Autoritarismus in Amerika. Psychosozial-Verlag, Gießen 2008) ist hier weder nötig noch möglich. Eine psychohistorische Alternative zu Loewensteins Argumentationsform findet sich in meinem Buch von 2008. [8] Drewermann, geb. 1940, früher Mitglied und Priester der katholischen Kirche, machte sich als rückhaltloser Kritiker der vatikanischen Kirchenpolitik einen Namen. 1990 veröffentlichte er das Buch Der tödliche Fortschritt, 2005 trat er aus der Kirche aus. [9] Anders (1902-1992) arbeitete mit der These, dass der Mensch zum Anhängsel der Maschine geworden und insofern als Spezies überholt („antiquiert“) sei. Die Atombombe schwebe wie ein apokalyptisches Damokles-Schwert über der Menschheit, die damit ihrer eigentlichen Freiheitsmöglichkeiten beraubt sei. [10] Mit dem Stichwort Ehrfurcht vor dem Leben wird ein weiterer bedeutender Protagonist des lebensgeschichtlich verinnerlichten Fortschritts gleichsam zwischen den Zeilen eingefügt, nämlich Albert Schweitzer (1875-1965). [11] Loewenstein ist an dieser Textstelle mit seiner narrativ-reflexiven Erzählung längst im 20. Jahrhundert angekommen. Der Rückverweis auf Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) illustriert die eingangs festgestellte Fähigkeit, Problemzusammenhänge über die Distanz der Jahrhunderte hinweg auf den Punkt zu bringen. Die unter europäischen Aufklärern, angeführt von Immanuel Kant, weit verbreitete Geringschätzung der „Wilden“ (schon das Wort verweist auf rassistische Hintergründe) bedürfte im Hinblick auf die Fragwürdigkeit europäischer Fortschrittsaspirationen jedoch einer gesonderten Erörterung, die Loewenstein bewusst außen vor gelassen hat (vgl. Vorwort). [12] An dieser Stelle gibt Loewenstein weitere Referenzen an (Fußnote 334), die dafür plädieren, das richtige Maß zu finden. [13] Habermas’ Fortschrittsidee im Rahmen einer kritischen Theorie der Gesellschaft hat Matthias Iser untersucht (Iser, Mattias: Empörung und Fortschritt. Grundlagen einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Campus, Frankfurt/Main, New York 2008.). Zu Isers Buch habe ich ebenfalls eine Rezension verfasst. [14] Heimpel: Kapitulation vor der Geschichte? 1956.- Psychohistorisch ist die emphatische Zurückweisung der geistigen Kapitulation vor Geschichte mit dem Vertrag von Versailles zu korrelieren, der kollektiv beißende Schamgefühle und bei Hitler darüber hinaus die Zwangsvorstellung ausgelöst hatte, dass Deutschland um keinen Preis noch einmal kapitulieren dürfe, sondern bis zum siegreichen Ende kämpfen oder untergehen müsse. [15] Über Hermann Heimpel und andere westdeutsche Historiker hat Nicolas Berg 2003 eine informationsreiche und deutungsscharfe Untersuchung vorgelegt. [16] Zur Erinnerung: Ernst Nolte hatte 1986 in einem Artikel für die FAZ u. a. die These vertreten, dass der Gulag „ursprünglicher“ sei als Auschwitz und damit den Historikerstreit ausgelöst. [17] Hier findet sich eine erste Fußnote mit Literaturhinweisen. Der vergleichsweise knappe Text von neun Seiten hat 42 Anmerkungen, die quantitativ fast ebenso umfangreich sind wie der laufende Text. [18] Docta ignorantia: Hauptwerk des Nikolaus von Kues und zugleich Motiv seines ganzen Denkens (Brockhaus). Die Übertragung einer theologisch-philosophischen Denkfigur aus dem 14. Jahrhundert auf heute ist inhaltlich riskant, weil Gott als der frühere Geschichtslenker wissenschaftlich sozusagen ausfällt. weitere Literaturhinweise: Habermas, Jürgen: Erkenntnis und Interesse. Mit einem neuen Vorwort. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1994 (11. Auflage). Jaspers, Karl: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Fischer, Frankfurt/Main 1955 (Erstdruck 1949). Ders.: Hoffnung und Sorge. Schriften zur deutschen Politik 1945 – 1965. Piper, München 1965. Ders.: Die Atombombe und die Zukunft des Menschen. München 1983 (7. Auflage). Ders.: Wohin treibt die Bundesrepublik? Piper, München 1988 (10. Auflage). White, Hayden: Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses. Klett, Stuttgart 1986, als Greifbuch 1991. Wright, Ronald: Eine kurze Geschichte des Fortschritts. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006. |
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