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Lothar Kolmer, Geschichtstheorien, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2008 (UTB Profile). |
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Die neue UTB-Reihe Profile bietet in
knapper Form studienrelevantes Wissen zu Themen und Personen. Sie richtet
sich sowohl an Studierende, die sich zunächst einen ersten Überblick
verschaffen möchten, als auch an diejenigen, die sich prüfungsfit machen
wollen. Die Reihe behandelt Themen und Personen aus allen Fachgebieten und
deckt somit ein sehr weites Spektrum ab. Für Studierende der
Geschichtswissenschaft sind neben den biographischen Bänden (u. a.
Luther,
Marx,
Martin Luther King) besonders die Themenbände
Reformation,
Verkehrsgeschichte und
Geschichtstheorien von besonderem
Interesse. Auch Lehramtskandidaten finden in der neuen Reihe mit z. B. den
Bänden
Sozialisation,
Johann Heinrich Pestalozzi oder
Hochbegabung
hilfreiches Studienmaterial. Für den Rezensenten von besonderem Interesse, da im eigenen Geschichtsstudium praktisch kaum behandelt (dafür ansatzweise im Philosophiestudium), ist der Band Geschichtstheorien von Lothar Kolmer, Professor für mittelalterliche Geschichte, historische Grundwissenschaften und Rhetorik (siehe auch www.rheton.at) an der Universität Salzburg. Die eigene akademische Erfahrung bestätigt leider Kolmers einleitende Feststellung. Im Studienbetrieb steht das Erlernen und die Beherrschung des historischen Handwerkszeug zur Anfertigung von Seminar- und Prüfungsarbeiten im Vordergrund (Praxis/Methode). Die Reflexion über Grundlagen, Zustände Verlauf und Perspektiven von Geschichte und Geschichtsschreibung findet oft nur am Rande statt. In (geschichtswissenschaftlichen) Prüfungen wird Geschichtstheorie bzw. Geschichtsphilosophie sicherlich kaum thematisiert. Es ist dem Autor allerdings zu widersprechen, wenn er die Gründe für die Nichtbehandlung der Theorie hauptsächlich am Unwissen oder Desinteresse der Studierenden festmacht. Das Studienangebot wird immer noch maßgeblich von den Instituten und Dozenten bestimmt und es liegt daher besonders an ihnen, die geschichtstheoretische Reflexion in Seminaren und Übungen zu fördern. Gegen den festgestellten szientistisch-positivistischen Trend der modernen Geschichtswissenschaft möchte der Autor den Lesern einen Überblick über die Geschichtstheorien unter besonderer Berücksichtigung der Geschichtsphilosophie vermitteln. Die Darstellung ist chronologisch angelegt und erhebt den Anspruch "die wichtigsten Positionen aus 2500 Jahren historischen Denkens" zu umfassen. Wichtige Merksätze und Definitionen werden im Text besonders hervorgehoben. Im Zentrum der Betrachtung steht aber ganz deutlich die deutsche Geschichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts, namentlich Hegel, Marx und Engels. Darüber hinaus nimmt im 6. Kapitel die Darstellung und Beurteilung des Historismus breiten Raum ein. Besonders Kolmers Zusammenfassung der von Nietzsche in der Schrift Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben formulierten Kritik ist herauszuheben und motiviert den Leser vielleicht dazu, dieses kurze Traktat einmal zu studieren. Auch gewissermaßen als seelische Stütze für die letzten zwei Kapitel (Postmoderne und Post-Postmoderne) empfiehlt sich Nietzsches Unzeitgemäße Betrachtung, wenn durch den linguistic turn (S. 86), die Auflösung der "großen Meta-Erzählungen der Moderne" (S. 98) schließlich der Relativismus siegt (S. 93) und Kolmer zu Feststellung kommt, dass das Lernen aus der Geschichte unmöglich ist (S. 95). Die mühsam errichteten philosophischen Gebäude Hegels, der durch seine philosophische Betrachtung das Zufällige aus der Weltgeschichte zu entfernen versuchte, und Marx', der feststellte, dass die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen sei, fallen plötzlich in sich zusammen. Die bis hierhin überaus kenntnisreich und anschaulich geschriebene Überblicksdarstellung lässt den Leser aber schließlich allein mit seiner eigenen Phantasie und Kreativität zurück. Schlussbemerkungen wie: "Fragen nach einem höheren/tieferen Sinn der Geschichte sind nicht mehr zu stellen." (S.95) sind irritierend und man fragt sich selbst: "Wozu soll Geschichte dann noch gut sein?" Nach Kolmers Fazit möchte man denken, dass die Beschäftigung mit Geschichte und das Nachdenken über Geschichte zur Privatsache des einsamen Gelehrten geworden ist. Sicherlich ist es wichtig, sich selbst immer wieder zu fragen, was man da eigentlich macht. Doch schließlich gibt es auch eine öffentliche, über das Fachpublikum hinausgehende Diskussion über Geschichte, an der man sich beteiligen sollte und der man sich stellen muss. Vielleicht ergeben sich auf diese Weise neue Impulse für die geschichtstheoretische/-philosophische Reflexion im Zeitalter der Globalisierung. Maik Hager
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