Mattias Iser,

 Empörung und Fortschritt.
Grundlagen einer kritischen Theorie der Gesellschaft,

 Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2008 (Theorie und Gesellschaft, Bd. 64).

Wer und was bewirkt „moralischen Fortschritt“?

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit der überbordenden Fortschrittsvisionen, die ideengeschichtlich einerseits durch die vorangehende Aufklärung inspiriert wurden, technikgeschichtlich andererseits in umwälzenden Erfindungen ihre wiederholte Bestätigung fanden (Dampfmaschine 1765, Eisenbahn 1835, Elektrifizierung und Telefon etwa ab 1880). Die desaströsen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts mit dem mehrfachen Durchbruch massenmörderischer Gewalt (zwei Weltkriege, Völkermorde) haben diese Fortschrittsvisionen faktisch aufgehoben und einer ideologischen Skepsis Platz gemacht, in der die Zukunft eher düster als farbenfroh erscheint.

In dieser Konstellation sind wissenschaftliche Untersuchungen zu begrüßen, die den Begriff des Fortschritts erneut auf den Prüfstand stellen und klären, was in den bisherigen Fortschrittspotenzialen, ideell und materiell, bewahrt und weiter entwickelt und was eher eingegrenzt oder gar aufgeben werden sollte. Dabei wird in allen Untersuchungen, die dem Rezensenten bekannt sind, die Problemerörterung beeinflusst von den gravierenden Unterschieden zwischen einem rein technisch-wissenschaftlichen Fortschritt, der offenkundig ist und unaufhaltsam weiterzugehen scheint, und einem keineswegs so offenkundigen Fortschritt der menschlich-sozialen Beziehungen. [1]

Mattias Isers Untersuchung wagt sich von philosophischer Seite an das Problem- und Aufgabenfeld, indem sie politisch wirksame Empörungen als Motor des Fortschritts thematisiert, der aber nicht alles zu erfassen beansprucht, sondern auf seine Relevanz für gesellschaftlich-moralische Entwicklungen bezogen wird. Mit einem Zitat aus Platons Politeia wird der Leser ohne Umschweife mit diesem Philosophen konfrontiert:

„Was aber ist es, wenn einer glaubt, Unrecht zu erleiden? Dann kocht und braust wohl der Zorn in ihm auf und macht sich zum Bundesgenossen dessen, was ihm gerecht dünkt, […] bis er es entweder durchsetzt oder stirbt oder […] von der ihm innewohnenden Vernunft zurückgerufen und besänftigt wird.“

Empörung, so kündigt dieser frühe Text an, fördert nicht in jedem Fall den menschlich-moralischen Fortschritt. Philosophisch ist daher zu klären, wann Empörung berechtigt ist und wann nicht. Doch diese Klärung hat ihre Tücken, wenn sie nicht politisch-dezisionistisch erfolgen werden soll. Wie gelangt man zu Kriterien, die einer rationalen Überprüfung von Empörungsemphasen standhalten? Das ist eine weitere Frage, deren Erörterung Iser in der Einleitung ankündigt und dann im Folgenden gewissenhaft durchdekliniert. Die Kennzeichnung des Argumentationsstils als „durchdeklinieren“ ist übrigens keine Stileigenwilligkeit des Rezensenten, sondern vom Buchautor vorgeprägt, der seine Ausführungen gerne als „moralische Grammatik“, an einer Stelle sogar als „Tiefengrammatik der Moral“ metaphorisch umschreibt.

Die Thematik würde dem Autor ins Unermessliche zerfließen, wenn sie nicht durch die Theorien von zwei renommierten Autoren gleichsam mit Leitplanken versehen worden wäre. Die eine gedankliche Leitplanke ist Habermas’ Theorie der demokratischen Verständigung, die andere Honneths kritische Theorie der Anerkennung, die beide nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in einem Verhältnis der wechselseitigen Ergänzung interpretiert werden. Zwischen Habermas und Honneth vertritt Iser eine vermittelnde Position, die ihn in die Lage versetzt, bei den immer schon vorhandenen normativen Erwartungen der Menschen anzusetzen, um sie in einer „rekonstruktiven Gesellschaftskritik“ zu bündeln, das heißt, mit anderen Worten, – so der Untertitel der Arbeit – die „Grundlagen einer kritischen Theorie der Gesellschaft“ neu zu formulieren.

Isers ehrgeiziges Projekt ist konsequent durchdacht, systematisch gegliedert und gut lesbar formuliert; es dokumentiert nicht nur umfassende Literaturkenntnisse im Bereich der beiden genannten Hauptautoren, Habermas und Honneth (2. und 3. Kapitel), sondern darüber hinaus sachkundigen Umgang mit dem gesamten Problemfeld einer „Gesellschaftskritik im Widerstreit“ (1. Kapitel), die nach Weiterentwicklung verlangt und so oder so Zukunft haben wird (4. Kapitel: „Ort und Zukunft der Kritischen Theorie“). Mit einem Plädoyer für den „Pluralismus der Gesellschaftskritik“ (4.2.2) beschließt Iser seine Untersuchung, die beste akademische Anerkennung verdient hat.

Fachphilosophen werden möglicherweise Kritik gegen die eine oder andere Textstelle oder Argumentationsfigur erheben. Doch das würde die dem Werk unausweichlich innewohnende Gefahr einer fachlichen Selbstbeschränkung (es handelt sich um eine Dissertation) nur verstärken. Wünschenswert ist vielmehr eine interdisziplinäre Erweiterung des Argumentationshorizontes, man denke etwa an Albert Camus’ programmatischen Satz „Ich empöre mich, also sind wir“ [2] , bei gleichzeitiger Profilierung realgeschichtlicher Empörungen, die in der Tat oft (aber keineswegs immer) mehr Gerechtigkeit erzwungen haben, denken wir nur an

  • vorrevolutionäre Hungerrevolten und an Proteste gegen Steuern, die als ungerecht empfunden wurden, an
  • massive Menschenrechtsverletzungen bis in die Gegenwart, an
  • lügenhaft begründete Kriege, Rassismus und Sklaverei, an
  • Verschleuderung von Weltressourcen zugunsten weniger Reicher,
  • nicht zuletzt aber auch an den Holocaust, der nicht so einfach, wie manche Historiker das wollen, zu „historisieren“ ist, sondern bis heute, mehr als 60 Jahre danach Empörung und „Fassungslosigkeit“ auslöst (Friedländer) und auslösen sollte. [3]

In Hinsicht auf Realgeschichte und Sinnlich-Anschauliches bleibt Isers Untersuchung, die als spezielle Qualifikationsarbeit der philosophisch-begrifflichen Abstraktion verpflichtet war, trotz eingestreuter Hinweise auf Sklaven, Frauenemanzipation und Homosexuelle ziemlich farblos, was aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein muss: denn an objektiv wirksamen Empörungen, die von subjektiv spürbaren Erregungen ausgehen und in Fortschrittsforderungen einmünden, fehlt es nicht und wird es nie fehlen. Das klug gewählte Thema wird weitere Texte generieren, die sich nicht vom Glauben an das Jenseits besänftigen lassen, sondern gutes oder zumindest graduell besseres Leben ungestüm für unser Hier und Jetzt einfordern, theoretisch im Denken und praktisch im Handeln.

Peter Schulz-Hageleit

Anmerkungen

[1] Ausführlicher dazu: Peter Schulz-Hageleit, Menschlicher Fortschritt – gibt es den überhaupt? Geschichte – Ethos – Bildung. Centaurus-Verlag, Herbolzheim 2008.

[2] Ausführlicher dazu: Albert Camus, Der Mensch in der Revolte (Essays). Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1997.

[3] Ausführlicher dazu: Saul Friedländer, Nachdenken über den Holocaust (Aufsätze). Beck, München 2007.

Links

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