Ingo Hasselbach
& Winfried Bonengel:

Die Abrechnung
Ein Neonazi steigt aus,

Aufbau Verlag, Berlin 2005
(EA: Aufbau Verlag, Berlin/Weimar 1993)

Ich muss zugeben, dass ich an "Die Abrechnung" nur durch Zufall gekommen bin und dass ich Ingo Hasselbach vorher nicht kannte. Die Bertelsmann-Lizenzausgabe, die ich gelesen habe, habe ich bei meinem letzten Besuch in der Marzahner Stadtteilbibliothek Erich Weinert auf dem Tisch für makulierte Bücher gefunden. Bei einem Verkaufspreis von 0,30 € konnte ich nichts falsch machen.

Von der Lektüre war ich dann sehr überrascht. Sicherlich ist das Buch keine Stilblüte. Über weite Strecken geht der im Vorwort angedachte Charakter eines langen Briefes an den Vater verloren und dient schließlich nur zur Einrahmung des Geschriebenen. Den Anspruch eines literarischen Meisterwerks erhebt Hasselbach und sein Co-Autor, der Dokumentarfilmer Winfried Bonengel, auch gar nicht. "Die Abrechnung" ist vielmehr ein z. T. sehr detaillierter Bericht eines Insiders über die rechtsextremistische Szene in (Ost-)Deutschland (v. a. Berlin) und über die einflussreichsten Personen dieser Szene. "Die Abrechung" ist ein biographischer Bericht eines jungen Mannes, der in einer Phase der DDR-Geschichte aufgewachsen ist, die in der Literatur z. T. als "Normalisierung" bezeichnet wird. Gemeint ist dabei die Phase der Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten, die von der Unterzeichnung des Grundlagenvertrags 1972 über den DDR-Besuch Schmidts 1981 bis zum BRD-Besuch Honeckers 1987 reicht.

Diese politischen Ereignisse spielen in Hasselbachs Bericht keine Rolle und normal ist in seinem Umfeld wenig. Nur die Großeltern, die im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg wohnten, bieten ihm ein Stück Normalität und "heile Welt". Eine Familie, die Ingo Halt und Sicherheit geben könnte, hat er zu dieser Zeit nicht. Seine Mutter und sein leiblicher Vater leben nicht zusammen. Letzteren kennt Ingo lange Zeit nur als "sympathischen Onkel" (S. 13). Die Beziehung zu seinem Stiefvater verschlechtert sich nach der Geburt der Stiefschwester rapide und geht schließlich auch in die Brüche.

Bis 1988 zeichnet Hasselbach von sich das Bild eines Schul-, Berufs- und Beziehungsversagers, der immer mehr in Opposition zur DDR gerät und während der Implosion des ostdeutschen Staates im Januar 1990 schließlich den Weg zum Rechtsextremismus findet. Dabei werden die vorhandenen rechtextremen Tendenzen (Gründung der "Lichtenberger Front" und der "Bewegung 30. Januar"*; laut Hasselbach beides Anfang 1988) von der bundesdeutschen, rechtsextremistischen Szene geschickt genutzt, so dass mit der "Nationalen Alternative" (NA) am 30. Januar 1990 die erste rechtsextremistische Partei in Ostdeutschland gegründet wird. Die NA tritt 1990 sogar zu den Wahlen des nunmehr Gesamtberliner Abgeordnetenhauses im Dezember 1990 an, ohne dabei jedoch ein nennenswertes Stimmenergebnis zu erlangen.

Bei der Lektüre habe ich mich immer wieder gefragt, was eigentlich die Deutsche Volkspolizei in der DDR und später die bundesrepublikanische Polizei gemacht haben. Wiederholt schildert Hasselbach Situationen, in denen die Staatsmacht einfach nur zuschaute und nicht in die Kämpfe zwischen Links- und Rechtsextemisten eingriff. Zwar werden Hasselbach und einige seiner "Kameraden" zu Haftstrafen verurteilt. Dies erscheint aber immer wieder nur als kurze Unterbrechung der Tätigkeit. Gearbeitet wird mit den jungen Straftäter offensichtlich nicht, zeitlich begrenztes Wegsperren, viel öfter aber Wegsehen, scheinen die einzigen Reaktionen des Staates zu sein.
Den einzigen Versuch, mit den jungen Menschen zu arbeiten, unternimmt 1991 der Sozialdiakon Michael Heinisch. Hasselbach hält dessen Bemühungen jedoch für sinnlos (Kapitel "Das ungeeignete Projekt des Michael Heinisch", S. 110-112), gibt aber zu, dass ihm die regelmäßige Arbeit in der Pfarrstr. 108 Halt und Orientierung gegeben hat. Schließlich scheitert das Projekt nach Straßenschlachten zwischen Linken und Rechten.

Daraufhin wendet sich Hasselbach wieder der Szene zu und radikalisiert sich zunehmend. In diesem Zusammenhang spielen Bonengels Dokumentarfilm  "Wir sind wieder da." (1991) und das Interview mit Ingo Hasselbach "Ein Neonazi steigt aus" (1992) eine wichtige Rolle. Der erste Film veranschaulicht Personen, Strukturen und Zusammenhänge innerhalb der rechtsradikalen Szene. Einige Standbilder aus der Dokumentation finden sich, neben Privatfotos des Autors, auch im Buch. Im Interview berichtet Hasselbach über vieles, das später ebenfalls in sein Buch einfließt und erläutert, warum sein Ausstieg öffentlich sein musste.

Aus aktuellen Zusammenhängen (Nationalsozialistischer Untergrund) sind die in beiden Filmen gemachten Äußerungen in Richtung Gründung rechtsextremistischer terroristischer Organisationen und Bewunderung der linksextremen RAF besonders herauszuheben. Die Erkenntnisse zur Bewaffnung und Ausbildung der jungen Rechtsradikalen, die Bernd Wagner bereits in "Wir sind wieder da." macht, sind erschreckend. In der Bundesrepublik Deutschland ist die terroristische Bedrohung von rechts demnach jahrzehntelang unterschätz worden. Wenn man zudem den Lebenslauf der Rechtsterroristin Beate Zschäpe betrachtet, finden sich trotz achtjährigem Altersunterschied zwischen ihr und Hasselbach, auffällige Gemeinsamkeiten: zerrüttetes Elternhaus, Bezugspersonen Großeltern, Jungend in der implodierenden DDR mit allen Ängsten und Unsicherheiten, erste Kontakte zur Rechtsextremen Szene, Berufsversagerin. Stabilität findet Zschäpe erst in der Dreierbeziehung mit Mundlos und Bönhardt. An den Morden der beiden Männer scheint sie nicht direkt beteiligt gewesen zu sein, so dass sie sich in einem Untergrundleben als "national denkende" Frau, Geliebte und Ersatzmutter einrichtet.

Für Hasselbach kommt mit den Morden von Mölln das Ende in der rechtsradikalen Szene: "Im Spätherbst 1992 passierten die Morde von Mölln, die mir sehr nahegingen. Jetzt war für mich ein bestimmtes Maß überschritten." (S. 147) Mit seinem öffentlich gemachten Ausstieg vollzieht er einen Schritt, der ihm die Rückkehr zu den "Kameraden" unmöglich macht. Hasselbach betont diesen Aspekt immer wieder, da er um die Verführungskünste der Neonazis weiß. Er selbst war einer der braunen Rattenfänger.

Hasselbachs Buch und die Filme Bonengels eignen sich durchaus für den Unterricht. Im Fach Politikwissenschaft, 1. Semester können die Materialien bei der Beschäftigung mit dem Thema "Gegner der Demokratie" (Pflichtbereich) eingesetzt werden, aber auch im 2. Semester bieten sie im Rahmen des Themas "Probleme der deutschen Einheit" (Wahlbereich) gute Anknüpfungspunkte, die durch Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung vertieft werden können.

Maik Hager

Links:

Die Abrechung - Informationen des Aufbau Verlags

EXIT-Deutschland - Ausstiege aus dem Rechtsextremismus

Dossier: Rechtsextremismus (bpb)

Dossier: Deutsche Teilung - Deutsche Einheit (bpb)

* Namensgebung erfolgte In Anlehnung an die "Harzburger Front" von 1931 und den Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933.

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