Jan Demas

60 Minuten deutsche Geschichte.
Große Ereignisse - bewegende Augenblicke
Herder, Freiburg i. Br. 2007

Die Idee ist im Prinzip sehr gut und im Prinzip auch nicht neu, denn in der Kürze liegt noch immer die Würze. Fasst man sich jedoch zu kurz, dann verfliegt auch der kleinste Hauch von Würze und es bleibt nur ein fader Nachgeschmack. "60 Minuten deutsche Geschichte", dass sind sechzig kurze, jeweils in zwei Abschnitte (Ereignisschilderung/Interpretation) geteilte, Versatzstücke zu manchmal mehr und manchmal weniger bedeutenden historischen Momenten. Dabei ist der Rahmen "deutsche Geschichte" teilweise zu eng, denn der Autor widmet sich auch Ereignissen von Weltrang, z. B. in der 15. Minute "Alexander von Humboldt entdeckt die Gabelung des Orinoko".

Insgesamt ist dem Autor, Jörg Achim Zoll alias Jan Demas, eine gute Absicht zu unterstellen, die Ausführung ist jedoch mangelhaft bis ungenügend. Als examiniertem Geisteswissenschaftler, ausgebildetem Verlagslektor und Autorenberater in der ersten Minute ("Als die Deutschen Römer wurden") zu behaupten, dass Karl der Grosse am Weihnachtstag des Jahres 800 in Aachen zum römischen Kaiser gekrönt wurde, ist mehr als peinlich.

"Den ersten Versuch [das römische Kaisertum wiederzubeleben, Anm. des Rez.] machte Karl der Große, der sich zu Weihnachten 800 in Aachen vom Papst zum römischen Kaiser krönen ließ." so Zoll/Demas auf Seite 21.

Hier hat die von anderen Rezensenten festgestellte geschichtswissenschaftliche Präzision arg gelitten. Man kann nur hoffen, dass es sich dabei nur um einen ärgerlichen Druckfehler handelt. Auch die Beschreibung mancher Ereignisse, z. B. der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles (30. Minute "Vereint unter der Pickelhaube") lässt darauf schließen, dass der Autor geschichtswissenschaftlich nicht immer auf der Höhe der Zeit ist. Die Betonung, dass Bismarck zu diesem denkwürdigen Anlass eine weiße Uniform getragen habe, lässt doch eher darauf schließen, dass hier nicht Augenzeugenberichte herangezogen wurden, sondern eher das bekannte Auftragsgemälde Anton von Werners, welches das Ereignis nicht fotogenau, sondern vielmehr historisch geschönt und teilweise fehlerhaft wiedergibt.

Hätte sich der Autor nur 30 Minuten vorgenommen und diesen 30 Minuten, d. h. 30 bedeutenden oder auch in ihrer Bedeutung unterschätzen Ereignissen der Geschichte, mehr Aufmerksamkeit und Sorgfalt gewidmet, so wäre der Sache besser gedient gewesen. Man kann nicht auf der einen Seite von der Abgestumpftheit des modernen Menschen reden, der durch die Vielzahl der auf ihn einstürmenden Bilder aus Fernsehen, Internet usw. keine Wertschätzung für den visuell-ästhetischen Eindruck hat (S. 105) und auf der anderen Seite ein belletristisches Zapping durch die Geschichte veranstalten.

Sehr kurios ist schließlich die Minute, die Zoll/Demas den Literaturhinweisen widmet. Dort liest man: "Ohnehin ist die Frage, wie zeitgemäß die Zitiererei noch ist. [...] Deshalb mein Vorschlag: Wenn Ihnen irgendetwas an diesem Buch gefällt, vergessen Sie, 'von wem' es ist. Tragen Sie es in die Welt! Teilen Sie es mit anderen! Und lassen Sie es in möglichst lebendigen Diskussionen kursieren. Das würde mich freuen."

Ich kann nur antworten: Wenn Sie etwas gelesen haben, was Ihnen bedeutsam erscheint und Sie wollen ihre Sicht der Dinge dazu schreiben, verraten Sie ihren Lesern ihre Quellen und machen Sie Ihren eigenen Standpunkt deutlich. Zitieren Sie aus Quellen und Darstellungen immer mit Verweis, nicht nur weil der Professor es so will, sondern, weil es Ihren Lesern hilft, sich das ganze Bild zu machen und auf Dinge zu stoßen, die sie vielleicht darüber hinaus interessieren könnten. Das würde mich freuen. Im Historischen Roman und im Essay muss der Nachweis nicht im Text erscheinen, aber ein Anhang mit Verzeichnissen hat noch keinem Buch geschadet.

Maik Hager

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