Dirk Palm (Hg.),

Alltag in Berlin.
Fotos der Gebrüder Haeckel 1900 - 1920,
 

Sutton Verlag, Berlin 2007.

Mit insgesamt 188 Fotographien aus dem Archiv für Kunst und Geschichte präsentiert Dirk Palm eine kleine aber feine Auswahl aus dem umfangreichen Werk der Gebrüder Otto (1872-1945) und Georg Haeckel (1873-1942). Auf dem Gebiet der Pressefotographie gelten die Gebrüder Haeckel unter Fachleuten als Pioniere, da es ihnen gelang, mit sehr kurzen Verschlusszeiten die Dynamik des bewegten Berliner Straßenlebens optimal einzufangen. Die fotografierten Szenen mussten aufgrund der neuen Technik nicht gestellt werden, sondern entstammen direkt aus dem Leben. Die Fotos sind in fünf Kapitel geordnet - Auf den Straßen Berlins, Raus ins Grüne, Paraden und Proteste, Sport zur Kaiserzeit und Vergnügen und Schwoof - und geben einen Einblick in das öffentliche und private Leben der deutschen Hauptstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es finden sich vielerlei Bauwerke, die heute zum touristischen Standardprogramm gehören, z. B. das Reichstagsgebäude, das Rote Rathaus, das Brandenburger Tor, der Dom usw. Dabei ist es überaus interessant zu beobachten, wie sich die genannten Schauplätze inzwischen verändert haben.

Als Bildquellen sind die Haeckelschen Fotographien überaus wertvoll und geben über viele Veränderungen in den Bereichen des alltäglichen Lebens Auskunft. Betrachtet man z. B. die Straßenszenen, so fällt auf, dass alle abgebildeten Personen, sowohl Männer als auch Frauen, Kopfbedeckungen trugen. Bei den Frauen findet man äußerst kunstvolle und große Hüte, bei den Männern Schirmmütze, Melone, Zylinder oder Pickelhaube. Eine erstaunliche Wandlung der Kleidungsgewohnheiten im Vergleich zum heutigen Straßenbild.

Auch wenn der Bildband hauptsächlich Alltagszenen zeigt, so finden sich doch auch einige fotografische Zeugnissen nicht alltäglicher Ereignisse, so z. B. die Menschenaufläufe vom 1. August 1914 -  dem Tag der deutschen Mobilmachung und Kriegserklärung an Russland - gefolgt von einigen Bildern weiterer Kriegsvorbereitungen. Dabei ist mir persönlich besonders eine Szene aufgefallen, die ich bereits während meiner Schulzeit in einem Geschichtsbuch betrachtet habe. Sie liegt hier in zwei Varianten vor, wobei die hier ausgewählte Version wohl die bekanntere sein dürfte. Sie zeigt einige Männer, die aus den Fenstern ihres Zugwagons schauen, der mit zahlreichen Schriftzügen versehen ist.


Abfahrt eines Truppentransports von einem Berliner Bahnhof
am 28. August 1914.

Unter anderem liest man dort die Aufschrift: "Auf zum Preisschießen nach Paris." Es sind Männer, die in einem Truppentransport in den Krieg fahren. Noch tragen sie Zivilkleidung und lachen, doch bald werden sie in ihren Uniformen mit ihren Waffen in den Schützengräben liegen. Dann wird die Hoffnung auf einen schnellen Sieg wie anno 1870/71 verflogen sein. Es ist ein erschütterndes Zeugnis der damaligen Kriegsbegeisterung.

Insgesamt bietet der Band "Alltag in Berlin" reichhaltiges Bildmaterial. Auf der anderen Seite jedoch - außer einem kurzen Vorwort - kaum Zusatzinformationen zu den Gebrüdern Haeckel. Auch fehlen Verweise auf weiterführende Literatur oder Bildquellen, was den Einsatz in der Lehre erheblich erschwert. In einer zweiten Auflage könnte dieser Mangel jedoch leicht behoben werden.

Links:

Internetseite des Sutton Verlags

Archiv für Kunst und Geschichte

weitere Informationen über die Gebrüder Haeckel (Bildarchiv des DHM, Berlin)

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