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Foto: Skibitzki, Dehnhard

Inbesitznahme eines Mahnmals – Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Vor kurzem bin ich bei der Lektüre einer Berliner Regionalzeitung über einen Artikel über das in diesem Jahr (2005) fertig gestellte "Holocaust"-Mahnmal gestolpert. An dem Artikel von Dirk Jericho ist nichts auszusetzen, im Gegenteil: Er ist kurz und knapp gehalten (in einer Lokalzeitung wird man nicht anders können, als kurz und knapp zu fassen) und mit interessanten Fotographien vom Schauplatz ergänzt.

Es ist vielmehr ein Phänomen, dass Jericho beschreibt, über das ich gestolpert bin. Ich hatte bereits im Fernsehen Berichte darüber gesehen und hielt es, da ich nur mit einem Ohr lauschte, zunächst für eine neue Trendsportart: Stelenhopping, oder zu deutsch Stelenspringen.

Abgesehen davon, dass das Wort Stele seit dem Planungsbeginn des Denkmals zu ungeahnter Popularität gekommen ist, erstaunte mich die Art und Weise, in der Berliner und Touristen es jetzt in Besitz nehmen. Das Denkmal gehört nun zur Stadt wie andere Denkmäler bzw. Mahnmäler auch, keines ist jedoch zu bekannt. Was ist nun dieses Stelenhopping, dieses gefährliche von-Betonquader-zu-Betonquader-springen? Ein Akt der Respektlosigkeit, zeugt es von historischer Inkompetenz, von fehlendem oder falschem Geschichtsbewusstsein (eine Zentralkategorie in der Geschichtsdidaktik)?

Zum Stelenspringen gesellt sich offensichtlich noch eine weitere Respektlosigkeit. Während einige Besucher den Toten gedenkend langsam durch die Gänge zwischen den Blöcken umhergehen, werden die engen Gassen zwischen ihnen von zumeist jüngeren Besuchern als Irrgarten für rasante Verfolgungsjagden genutzt. Laut Mahnmahlordnung – so etwas gibt es tatsächlich? – ist zumindest das Stelenhopping verboten. Nun gut, Ordnung muss schließlich sein, nicht, dass sich noch jemand verletzt. Doch das Verbot lässt sich scheinbar nur schwer durchsetzten.
 

Eine weitere Bemerkung in Jerichos Artikel hat mich zum Nachdenken angeregt. Der Architekt des Mahnmals, der Amerikaner Peter Eisenman, hat das Betonquaderfeld nach Jerichos Angaben einmal als "Ort der Hoffnung" bezeichnet. Wie stelle ich mir nun einen Ort der Hoffnung vor? Ist es ein Friedhof, auf dem die Leute in Gedanken an die Verstorbenen langsam hin und her gehen? Oder ist es nicht eher ein Ort vollen Leben und Freude, ein Ort, an dem man an bessere Zeiten denkt und lacht und singt? Die Reaktionen vor Ort zeigen, wie unterschiedlich die Menschen – egal woher sie kommen – einen Ort wie diesen in Besitz nehmen. Wie sie mit seinen Aussagen oder auch seinem Schweigen umgehen.


Foto: dpa / Berliner Morgenpost

Ob die verschiedenen Handlungs- und Verhaltensweisen auch auf dem unterschiedlichen Lebensalter der Besucher beruhen, müsste genauer beobachtet werden. Der Respekt des Alters vs. die Respektlosigkeit der Jugend? Das Wissen gegen das Unwissen und das Ungebildetsein? Ich bin gespannt, wie die historisch-politische Bildung, wenn überhaupt, darauf eingeht und ob sich über die unterschiedlichen Inbesitznahmen des Denkmals für die Ermordeten Juden Europas eine Kontroverse entzünden wird.

Maik Hager

 

Literatur:

Internetseite der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Holocaust-Mahnmal)

WDR 5, Morgenecho-Serie: Der lange Schatten des Krieges. Deutschland: Erinnerungsstätten an Weltkrieg und Nazizeit, Sendung vom 29.08.2009.

Jericho, Dirk, Alltag am neuen Holocaust-Mahnmal / Es wirkt, in: Berliner Woche, Nr. 23, 08.06.2005, 1.u. letzte Seite.

Stelenspringen verboten, taz.de, 13.05.2005.

Schulz-Hageleit, Peter, Grundzüge des geschichtlichen und geschichtsdidaktischen Denkens, Frankfurt/Main u. a. 2002, S. 93-110 (7. Geschichtsbewusstsein und Emanzipation).

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